Gemeinde Teutschenthal

Barau - Ein verschwundenes Dorf zwischen Zscherben und Angersdorf

Innerhalb der jahrtausendealten Besiedlungsgeschichte des mitteldeutschen Raums wurden immer wieder bestehende Siedlungsplätze aufgegeben. Manchmal deuten nur noch Flurnamen und Erwähnungen in Urkunden auf diese ehemaligen Dörfer hin. Oft sind sie aber auch lediglich zufällig anhand von Luftbildaufnahmen und archäologischen Bodenfunden auszumachen. Die Hintergründe für deren Niedergang sind vielfältig und reichen von der Zerstörung durch Katastrophen und kriegerischen Auseinandersetzungen, über klimatische Veränderungen bis hin zu Bevölkerungsrückgängen, infolge verheerender Epidemien. Verlassene Siedlungen des Mittelalters und der Neuzeit werden allgemein als „Wüstungen“ bezeichnet.

Auch innerhalb der Verwaltungsgrenzen der Einheitsgemeinde Teutschenthal sind einige „Dorfwüstungen“ bekannt. Eine davon ist zwischen den Ortschaften Zscherben und Angersdorf zu suchen (Abb. 1). Aus der spärlichen schriftlichen Überlieferung wissen wir, dass sich dort einst das Dorf „Barau“ befunden haben muss. Auf alten Landkarten beschreiben noch die Flurnamen „Ober- Mittel- und Unter-Parau“ die ehemalige Gemarkung des Ortes. Noch Anfang des vorletzten Jahrhunderts sollen Füllmulden von Gebäuden sichtbar gewesen sein. Der Braunkohle-Bergbau jener Zeit in diesem Raum hat das Gelände allerdings so stark verändert, dass die genaue Lage des Ortes in Vergessenheit geraten war.

Der Bau des Autobahnzubringer L164n ermöglichte im Bereich zwischen der Anschlussstelle zur A143 und dem Versorgungsgebiet Halle-Neustadt eine genauere Erforschung des Geländes. Zwischen September und Dezember 2008 erfolgte die archäologische Voruntersuchung des geplanten Trassenverlaufs. Dabei konnte die mittelalterliche Dorfstätte im Bereich einer ehemaligen Kleingartenanlage in der Nähe des Roßgrabens, südlich der Bahnlinie Halle-Kassel lokalisiert werden. Der Straßenneubau durchschnitt die Siedlungsstelle hier auf einer Länge von ca. 100 Meter und einer Breite von ca. 40 Meter. Die Ausgrabungen unter der Leitung von Ulrich Müller erbrachten neben den Befunden mehrerer Grubenhäuser, auch zahlreiche Grabenstrukturen sowie Abfall- und Siedlungsgruben. Hinweise auf Pfostenbauten fanden sich ebenfalls im Areal, aus denen sich allerdings kein eindeutiger Gebäudegrundriss rekonstruieren ließ. Die Summe der Befunde ergab das Bild eines zweiphasigen Wohnplatzes. Die ursprüngliche Siedlung wurde im Osten durch einen großen Graben begrenzt. Der Roßgraben diente im Süden wahrscheinlich als natürliche Begrenzung. In einer späteren Periode wurde die Siedlung erheblich ausgebaut. Darauf deuten breite, teilweise mehrteilige Grabensysteme im nördlichen und südlichen Untersuchungsbereich. In der hypothetischen Rekonstruktion ergäbe sich daraus ein Befestigungsring, der einen „Dorfrundling“ von ca. 100 Meter Durchmesser (inklusive der Gräben) umschloss (Abb. 2). Insgesamt wurden im Grabungsabschnitt zehn Grubenhäuser dokumentiert, von denen sich vier der ersten und sechs der späteren Ausbauphase zuordnen lassen.

Das vorgefundene Fundmaterial war insgesamt recht spärlich. Zumeist konnten nur aus den Abfallgruben Siedlungsfunde gewonnen werden. Darunter vor allem Speisereste, wie verschiedene Haustierknochen und - wohl durch die Bachnähe bedingt - wenige Muscheln. Neben einem metallischen Fund unbekannter Funktion ist ein sogenannter Schlittknochen zu erwähnen (Abb. 3). Das aus einem Langknochen (wahrscheinlich von Rind oder Pferd) gewonnene Artefakt war beidseitig abgeschliffen und wies auf der Oberseite Bohrungen auf. Mit Hilfe dieser konnte der Knochen an einem Trägerobjekt fixiert und als eine Art Kufe oder Schlittschuh verwendet werden.

Aussagekräftig waren Keramikscherben, welche ebenfalls als Abfall in die Siedlungsgruben gelangt waren (Abb. 4). Die Verzierungen der auf der Töpferscheibe entstandenen Gefäße mit Wellenbändern, Riefenbündeln und Rillenmustern sprechen für eine slawische Machart. Ulrich Müller ordnet diese hochwertige Keramik der sogenannten Leipziger Gruppe zu. Aufgrund ihrer Erscheinungsformen mit den stark profilierten Rändern datiert er die Funde in das 12. Jahrhundert. Die Interpretationen der Funde und Befunde sowie die zeitliche Einordnung der Keramik bestätigen die schriftliche Überlieferung zum Ort weitgehend: Barau war 1182 als „Borowe“ in einer Güterbestätigung für das Kloster Neuwerk bei Halle durch den Magdeburger Erzbischofs Wichmann erstmals erwähnt worden. Der Siedlungsname weist einen eindeutig slawischen Ursprung auf, was sich auch in der Siedlungsform als „Rundling“ und nicht zuletzt durch die gefundene Machart der Keramik widerspiegelt. Eine Quelle aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nennt lediglich noch den Kauf von Acker in der „Barauer Flur“, so dass davon auszugehen ist, dass der Ort zu dieser Zeit längst wüst gefallen war. In Verbindung mit den Ergebnissen der archäologischen Untersuchungen scheint eine ältere These, Barau sei dem Dreißigjährigen Krieg zum Opfer gefallen, damit widerlegt zu sein. Die Ausgrabungen ergaben keine Hinweise auf eine Zerstörung durch Brände oder kriegerische Auseinandersetzungen. Die Art der wenigen Funde lassen vielmehr auf eine geplante Aufgabe der Siedlung schließen. Die Bewohner hatten offenbar genug Zeit, all ihr Hab und Gut mitzunehmen. Ausgehend von den Datierungen der Keramik und den Schriftquellen scheint der Ort auch nur über wenige Generationen bestanden zu haben. Als Hintergrund vermutet Müller klimatische Veränderungen. Möglicherweise war die Siedlung während einer trockeneren Phase entstanden. Infolge eines zwischenzeitlich feuchteren Klimaabschnitts könnte sich die Lage in einer Niederung als ungünstig erwiesen haben. Ein eventueller Anstieg des Grundwasserspiegels machte das Siedeln und Wirtschaften in diesem Bereich unmöglich. Eine solche Periode ist in unserer Region für das 12. Jahrhundert nachgewiesen.

Mike Leske M.A.

Quellen und Literatur:

  • Erich Neuß, Wüstungskunde des Saalkreises, der Stadt Halle und der Mansfelder Kreise (Weimar 1969).
  • Ulrich Müller, Grabungen auf der Trasse des Autobahnzubringers Halle-Neustadt. In: Archäologie in Sachsen-Anhalt 7/14 (Halle 2014), S. 244-250.
  • Ortsakte Angersdorf/Saalekreis, OA-ID 2078 im Fundstellenarchiv des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA).
Abb. 1 Lage Barau im Luftbild
Abb. 1: Lage der Wüstung Barau im Gelände zwischen Zscherben und Angersdorf. Karte: Google Maps. Screenshot. https://www.google.de/maps/place/Zscherben. (Zugriff: 2017-12-04)
Abb. 2 Übersichtsplan mit den komplexen Grabensystem und den Siedlungsbefunden
Abb. 2: Übersichtsplan der Grabungen innerhalb der Wüstung Barau mit dem komplexen Grabensystem und den Siedlungsbefunden. Foto: Müller 2014, S. 245
Abb. 3 Schlittknochen Barau
Abb. 3: Schlittknochen aus der Wüstung Barau. Foto: Müller 2014, S. 249
Abb. 4 slawische Keramik aus Barau
Abb. 4: Keramikscherben des 12. Jahrhunderts mit typisch slawischen Verzierungsmustern aus der Wüstung Barau. Foto: Müller 2014, S. 249