Gemeinde Teutschenthal

„Die ersten Steudener“ - Ein mittelalterliches Reihengräberfeld und die Ursprünge des Dorfes

Die Ortschaft Steuden zählt 696 Einwohner (Stand 31.12.2018) und gehört seit 1. Januar 2010 zur Einheitsgemeinde Teutschenthal. Der Ort wurde am Ende des 9. Jahrhunderts im Hersfelder Zehntverzeichnis als „Studina“ erstmals urkundlich erwähnt. Weitere Nennungen folgten erst wieder um 1150 als „Studen“ sowie in den Jahren 1296 und 1313 als „Studene“. Der Siedlungsname lässt einen slawischen Ursprung vermuten. Abgeleitet vom sorbischen „studeny“ für „kalt“ oder „studna“ für „Brunnen“ (vgl. Zieschang 2017, 67) wird der Ortsname als „der am kühlen Brunnen oder Wasser gelegene Ort“ gedeutet (vgl. Neuß 1936, S. 74).

Genauere Hintergründe zur frühen Besiedlung Steudens waren mangels der spärlichen schriftlichen Überlieferung nicht tiefer zu ergründen und konnten bisher auch durch archäologische Funde nicht weiter belegt werden.

Erst der Ausbau der Landesstraße L177 als westliche Ortsumgehungsstraße und Autobahnzubringer zur A38 lieferte neue Hinweise zur Frühgeschichte der kleinen Ortschaft und deren erste Bewohner.

Südlich des Würdebaches, unmittelbar im Kreuzungsbereich der Schafstädter Straße mit der Kreisstraße nach Dornstedt (Abb. 1) deuteten sich bereits nach der Abtragung des Mutterbodens im hellen Löß mehrere längliche Gruben an. Da gleichzeitig im Aushub des Baggers menschliche Knochen auftauchten, wurde das zuständige Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) informiert. Bereits 1944 war an dieser Stelle beim Bau einer Flakstellung eine Körperbestattung gefunden worden.

Die Untersuchungen im Sommer 2008 auf einer Fläche von 30 Meter x 7 Meter unter der Leitung von Ulrich Müller zeigten recht bald, dass man hier auf ein größeres Gräberfeld gestoßen war. Innerhalb einer dreimonatigen Grabungskampagne konnten 29 Einzelgräber und eine Mehrfachbestattung dokumentiert werden (Abb. 2).

Alle Gräber waren in West-Ost-Ausrichtung und in Reihen angelegt (Abb. 3), was zumindest für eine zeitweise sichtbare oberirdische Markierung der Bestattungsplätze spricht. Überschneidungen von zwei nacheinander angelegten Gräbern am Westrand lassen vermuten, dass die Belegung des Gräberfeldes von Ost nach West erfolgt sein muss. Davon ausgehend legt die Verteilung der Gräber nahe, dass die Untersuchungsfläche zufällig auch den westlichen Abschluss des Friedhofs erfasst hatte. Somit wären weitere und wohl auch die ältesten Bestattungen im nicht abschätzbaren Ausmaß auf der ortszugewandten, östlich anschließenden Seite zu erwarten.

Die Grabgruben waren allgemein sehr schmal und langestreckt angelegt (Abb. 4). Da sich für die Bestattung in Särgen keinerlei Anzeichen fanden, ist davon auszugehen, dass die Toten lediglich in Leichentücher eingewickelt, niedergelegt worden waren. Einige Befunde deuteten auf hölzerne Einbauten oder eine Abdeckung mit sogenannten Totenbrettern hin.

Fast ein Viertel der Gräber wiesen verschiedene Steinsetzungen auf. Bei einem Teil dieser Befunde waren die Steinplatten direkt auf die Körper gelegt. Eventuell sind diese Bestattungen als sogenannte Wiedergänger anzusprechen. Vielleicht, weil sie sich zu Lebzeiten verhaltensauffällig gezeigt hatten oder eines unnatürlichen Todes verstorben waren, fürchtete man diese Individuen über deren Tod hinaus. Durch das Beschweren mit Steinen versuchte man offensichtlich die Wiederkehr der Toten in die Welt der Lebenden zu verhindern und sie für immer in der Grablege zu bannen. Solche Sonderbestattungen finden sich immer wieder auf früh- und hochmittelalterlichen Friedhöfen und offenbaren einen volkstümlichen Aberglauben jener Zeit.

Konkrete Fragestellungen zur Alters- und Geschlechtsverteilung auf dem Steudener Reihengräberfeld müssen bis auf weiteres mangels ausreichender Untersuchungen des aufgefundenen Knochenmaterials unbeantwortet bleiben. Der Anteil von ca. 30 % an nicht erwachsenen Individuen zeigt zwar eine hohe Sterblichkeit unter Kindern und Jugendlichen an, ist aber ein typisches Abbild vorindustrieller Gesellschaften und ein Spiegelbild der schwierigen Lebensbedingungen jener Zeit.

Innerhalb der gesamten Untersuchungsfläche wurden lediglich aus drei Gräbern Beigaben zu Tage gefördert. Das Grab einer jungen Frau enthielt einen sog. Schläfenring aus Silberdraht und einen bandförmigen Ring aus Bronzeblech (Abb. 5). Die Bestattung eines 8 bis 10-jährigen Kindes erbrachte zwei silberne Schläfenringe und einen Ring aus einfachem Bronzedraht. Außerdem fanden sich hier sechs Schneckengehäuse von denen vier mit Bohrungen versehen waren (Abb. 6). Der mehrteilige Ohrringanhänger aus dem Grab eines weiteren 4 bis 6 Jahre alten Kindes bestand aus einer Glas- und drei silbernen Körbchenperlen (Abb. 7). Obwohl die Geschlechter der beiden Kinderbestattungen anhand der noch nicht voll entwickelten Knochen schwer zu bestimmen sind, ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um Mädchen handelte. Davon ausgehend fällt auf, dass nur jungen Frauen und Mädchen Schmuck- bzw. Trachtgegenstände ins Grab gegeben wurden. Welches Brauchtum sich dahinter verbirgt, muss offenbleiben. Die Beschaffenheit des überwiegenden Teils der Schmuckstücke aus Silber zeigt zumindest einen gehobenen sozialen Stand ihrer Besitzer an.

Objekte dieser Art finden sich häufig auf regionalen Gräberfeldern gleicher Zeitstellung und werden allgemein als „slawisch“ klassifiziert. Besonders die neueren umfassenden Grabungen auf den Gräberfeldern von Oechlitz und Niederwünsch (beide Saalekreis) erbrachten eine Vielzahl ähnlicher Schmuckgegenstände und weisen deutliche Parallelen zum Steudener Friedhof auf. Charakteristisch sind hier vor allem die Schläfenringe, welche meist an einem Stirnband, in seltenen Fällen aber auch als Ohrring getragen wurden. Aus der näheren Umgebung ist ein solcher Ring aus einer 1956 erfolgten Notbergung aus dem Reihengräberfeld der Wüstung „Melmesdorf“ (2 Kilometer östlich von Steuden) bekannt. Bronzene Fingerringe kennen wir zudem von einem mittelalterlichen Bestattungsplatz auf dem „Schafberg“ in Teutschenthal, welcher bereits 1929 untersucht wurde. Hinsichtlich der Datierung variieren die zeitlichen Angaben. Der Ausgräber Ulrich Müller ordnet die Schmuckfunde aus Steuden der letzten Belegungsphase des Friedhofs zu und datiert diese in das 9./10. Jahrhundert. Die Gräberfelder von Öchlitz und Niederwünsch werden dagegen anhand von C14-Analysen in das 10./11. Jahrhundert bzw. das 11./12. Jahrhundert eingeordnet. Solange für die Steudener Bestattungen Radiokarbonanalysen ausstehen, muss also ein großzügiger Zeitraum zwischen dem 9. bis zum 12. Jahrhundert angenommen werden.

Zwar lassen die wenigen charakteristischen Trachtenaccessoires einen ethnischen Hintergrund aus dem slawischen Kulturkreis vermuten, die west-östliche Ausrichtung der Gräber in gestreckter Rückenlage mit dem Kopf im Westen, parallel angelegten Armen und Beinen sowie die ansonsten überwiegende Beigabenarmut auf dem Steudener Gräberfeld, entspricht jedoch eindeutig dem christlichen Bestattungsritus. Offenbar handelt es sich bei den Toten um Slawen, die sich bereits weitgehend zum Christentum bekannten, ohne dabei die eigene Identität völlig aufgegeben zu haben.

Im Zusammenhang mit einem mittelalterlichen Friedhof stellt sich immer auch die Frage nach einer zugehörigen Kirche. Eine christliche Bestattungsstätte war allein schon aus kirchenrechtlichen Gründen fast immer untrennbar mit einem Sakralbau verbunden. Ein Kirchenbau wird für Steuden erst im 14. Jahrhundert genannt. Die Erwähnung bezieht sich jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Vorgängerbau an gleicher Stelle der heute noch existierenden spätmittelalterlichen/barocken Kirche im östlichen Teil der Ortschaft. Da um diesen Bau auch die Toten des Ortes bis weit ins 19. Jahrhundert bestattet wurden, ist davon auszugehen, dass das untersuchte Gräberfeld spätestens ab dem Hoch- oder Spätmittelalter nicht mehr in Nutzung war. Im Untersuchungsabschnitt konnten keine architektonischen Strukturen nachgewiesen werden. Ein Kirchenbau wäre zudem mehr im Zentrum des Gräberfeldes, also östlich der Grabungsfläche zu erwarten. Wenn dort tatsächlich ein frühchristliches Gotteshaus gestanden hatte, war dieses sicherlich nur als einfacher hölzerner rechteckiger Saalbau ohne Turm und Apsis ausgeführt. Solche Interpretationen lassen zumindest die Befunde der Ausgrabungen von Niederwünsch (Saalekreis) und Halle-Queis zu. Warum der Bestattungsplatz aufgegeben bzw. verlagert wurde, ist aus der Untersuchung nicht ablesbar. Denkbar wäre ein Hintergrund bezüglich der Lage unmittelbar am Würdebach. Um das Jahr 1200 ist in Mitteldeutschland ein allgemeiner Anstieg des Grundwassers in Verbindung mit einem feuchteren Klima belegt. Vielleicht wurde der Friedhof ab dieser Zeit häufig überflutet, so dass eine günstigere Stelle aufgesucht werden musste.

Da sich die Ausgrabungen lediglich auf den Trassenabschnitt der Umgehungsstraße beschränkten, können keine Aussagen zur Belegungsdauer und Größe des Friedhofs getroffen werden. Rückschlüsse auf die zugehörige Siedlung sind ebenfalls kaum möglich. Lediglich deren Lage scheint gesichert und dürfte im südwestlichen Teil der heutigen Ortschaft zu suchen sein. Die Form eines typisch slawischen „Dorf-Rundlings“ zeichnet sich hier immer gut erkennbar im Luftbild ab. Noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts unterschied man in Steuden zwischen einem Unter- und einem Oberdorf. Die Unterscheidung bezieht sich dabei nicht auf einen Höhenunterschied zwischen den beiden Ortsteilen, sondern spiegelt deren Alter wider. Das im Südwesten der heutigen Ortslage befindliche Oberdorf sah bereits der Heimatforscher Erich Neuß als den Kern der slawischen Siedlung an, der sich nach seiner Deutung um einen Quellborn oder Quellteich unweit südlich des Würdebaches bildete. Das Unterdorf im Osten mit der heute noch bestehenden Kirche wäre demnach das Ergebnis einer späteren Siedlungsphase.

Die Ableitung einer ungefähren Bevölkerungsgröße der Siedlung anhand des Bestattungsplatzes scheitert bereits an der ungewissen Nutzungsdauer. Die zwischen 2001 und 2002 erfolgte Untersuchung des vollständig erfassten slawischen Friedhofes bei Halle-Queis mit seinen 99 nachgewiesenen Bestattungen geht von einer Nutzungsdauer von 33 bis 50 Jahren aus und hält dabei eine Einwohnerzahl zwischen 66 und 100 Bewohnern im angrenzenden Dorf für möglich.

Die Ausgrabung des Reihengräberfeldes belegt einen slawischen Besiedlungshintergrund Steudens und bestätigt den slawischen Ursprung des Ortsnamens.

Nachdem die Franken spätestens um das Jahr 800 ihre östliche Reichsgrenze bis zur Saale verschoben hatten, beschenkte Karl der Große die Reichsabtei Hersfeld bei Fulda mit den Gebieten zwischen der mittleren Saale und dem Harz. Die neu erworbenen Ländereien waren zu dieser Zeit wohl nur sehr spärlich bewohnt, so dass das Kloster eine Aufsiedlungspolitik vorantrieb. Durch die Anwerbung von Siedlern wurde neben der Stabilisierung der Reichsgrenze auch die Mehrung der eigenen Einnahmen in Form von Kirchenabgaben verfolgt. Die schriftlichen und archäologischen Quellen erbrachten in unseren Breiten keine Belege, die für eine Unterwerfung oder eine gewaltsame Ansiedlung sprechen.

Eine slawische Siedlung vor der fränkischen Besitznahme scheint ausgeschlossen. Auch für die These einer vorslawischen, germanischen Siedlung, deren Name nicht überliefert ist, wie es Erich Neuß noch in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts annahm, finden sich weder typologische, noch archäologische, geschweige denn schriftliche Nachweise. Es ist somit weitaus sicherer den Ursprung Steudens in der im Hersfelder Zehntverzeichnis erwähnten slawischen Siedlung des 9. Jahrhunderts anzuerkennen.

Die „ersten Steudener“ waren vermutlich slawische Kolonisten, die bewusst nach der fränkischen Eroberung zur Besiedlung der Gebiete am Würdebach angeworben wurden.

Zwar mussten sich die Slawen weitgehend zum Christentum bekennen; die Vermischung vom christlichen Ritus und heidnischen Brauchtum bezeugt jedoch eine gewisse Toleranz der christlichen Landesherren und zeigt, dass sich die Christianisierung in jener Zeit längst noch nicht vollends durchgesetzt hatte. Erst im Laufe des Mittelalters wurden die Slawen von den überwiegend deutschen Siedlern assimiliert und bilden nunmehr seit über 1000 Jahren mit diesen zusammen eine gemeinsame Geschichte.

 

 

Mike Leske M.A.

(Stand: 16. Mai 2019)

 

Literatur

  • Elke Mattheußer, Zwei Friedhöfe - Das slawische Gräberfeld am Reidebach. In: H. Meller (Hrsg.), Ein weites Feld – Ausgrabungen im Gewerbegebiet Halle/Queis. Archäologie in Sachsen-Anhalt Sonderband 1 (Halle 2003), S. 119–128.
  • Eric Müller, Das spätslawische Gräberfeld von Niederwünsch, Saalekreis. In: H. Meller (Hrsg.), Neue Gleise auf alten Wegen II, Jüdendorf bis Gröbers. Archäologie in Sachsen-Anhalt Sonderband 26/II (Halle 2017), S. 437–461.
  • Ulrich Müller, Grabungen auf der Trasse der Ortsumgehung Steuden, Saalekreis. Archäologie in Sachsen-Anhalt 7 (Halle 2014), S. 222–229.
  • Erich Neuß, Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld – Im Seegau (Halle 1936).
  • Klaus Powroznik, Friehof der Kinder – Ein frühmittelalterliches Gräberfeld bei Oechlitz, Saalekreis. In: H. Meller (Hrsg.), Neue Gleise auf alten Wegen II, Jüdendorf bis Gröbers. Archäologie in Sachsen-Anhalt Sonderband 26/II (Halle 2017), S. 431–436.
  • Renate Schafberg, Zwei Friedhöfe - Die anthropologische Untersuchung der slawischen Bestattungen des Gräberfelds am Reidebach. In: H. Meller (Hrsg.), Ein weites Feld – Ausgrabungen im Gewerbegebiet Halle/Queis. Archäologie in Sachsen-Anhalt Sonderband 1 (Halle 2003), S. 129–134.
  • Christian Zieschang, Das Hersfelder Zehntverzeichnis und die frühmittelalterliche Grenzsituation an der mittleren Saale. Eine namenkundliche Studie (Köln 2017).
Abb. 1 Die Fundstelle an der westlichen Ortsgrenze im Kreuzungsbereich der L177 mit der Kreisstraße nach Dornstedt. Müller 2014, 222
Abb. 3 Alle Gräber waren in West Ost Ausrichtung und in Reihen angelegt. Müller 2014, 225
Abb. 4 Die Toten waren allgemein in sehr schmalen und langestreckten Grabgruben niedergelegt w
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