Gemeinde Teutschenthal

Eisdorf und die Eisenbahn

Die in den Jahren 1863 bis 1872 errichtete Eisenbahnlinie zwischen Halle und Kassel führt nördlich am Ort vorbei. Die Talmulde der Eisdorfer Weitschke wird dabei mithilfe eines Damms überwunden. Das bis zu acht Meter hohe Bauwerk schließt die Ortslage auf ihrer Nordseite vollständig ein. Nur an drei Stellen ermöglichen massive Unterführungen den Zugang nach Eisdorf. Die wichtigste befindet sich an der L173, die in nördlicher Richtung zur B80 sowie nach Bennstedt führt (Abb. 1). Zwei weitere Durchlässe liegen nur wenige hundert Meter weiter westlich. Da eine dieser Unterführungen einen Feldweg nach Köchstedt und die andere den Würdebach hindurchführt, werden sie umgangssprachlich als „trockene“ beziehungsweise „nasse Brücke“ bezeichnet. Architektonisch sind alle drei Unterführungen als Steinbogenbauwerke aus großformatigen Sandsteinquadern ausgeführt. Darüber befindet sich ein aus Stampfbeton gebildeter Bereich. Der ursprünglich eingleisige Streckenverlauf wurde bereits ab 1872 infolge der steigenden Zugzahlen um ein weiteres Gleis erweitert. Das Planum war dafür schon beim Bau der Strecke in weiser Voraussicht entsprechend breit angelegt worden.

Bis zur vorletzten Jahrhundertwende verfügte Eisdorf über keinen eigenen Haltepunkt an der in Ost-West-Richtung verlaufenden Trasse. Dabei war der Ort bereits 1864 als möglicher Standort für eine Haltestation im Gespräch. Diese Überlegungen wurden jedoch zugunsten des Bahnhofs Teutschenthal verworfen. Am 26. August 1899 fassten die Gemeindevertreter Hermann Einführ (Schulze), Edmund Henze (Schöppe), Albert Bothfeld (Vertreter), Heinrich Röver (Vertreter), Bernhard Wege (Vertreter), Ernst Körner (Vertreter), Karl Merker (Vertreter), Otto Eckardt (Vertreter) und Franz Spengler (Vertreter) schließlich einstimmig den Beschluss zur „Anlage einer Personenhaltestelle an der Halle-Casseler Bahn“. Als genauer Standort wurde die „westliche Seite der Unterführung der Chaussee Bennstedt–Neuvitzenburg“ bestimmt. Der Gemeindebeschluss wurde im Folgemonat durch den Kreisausschuss des Mansfelder Seenkreises bestätigt. Ein von der Eisenbahnverwaltung erstellter Kostenvoranschlag vom 24. Mai 1899 sah dafür Aufwendungen in Höhe von 14.000 Mark vor. Die Gemeinde erklärte daraufhin am 29. Juni 1899, die Kosten bis zu einer Höhe von 16.000 Mark zu übernehmen. Über einen Kredit bei der Kreissparkasse des Mansfelder Seenkreises Eisleben wurden die geschätzten Baukosten zuzüglich 1.000 Mark für den Erwerb der Grundstücke abgesichert. Der Vertrag mit der Königlichen Eisenbahndirektion Halle/Saale kam am 30. Oktober 1899 zustande. Am 4. Dezember desselben Jahres wurde die Baugenehmigung erteilt. Die Planungszeichnung sah ein Dienstgebäude mit Fahrkartenschalter sowie einen Bahnsteig auf jeder Seite der Eisenbahnstrecke vor. Unterhalb des Bahndammes sollte auf südlicher Seite ein Warteraum mit Abort entstehen (Abb. 2). Das als Flachbau geplante Gebäude wurde offenbar erst später umgesetzt und sollte dann die Funktion einer Bahnhofsgaststätte übernehmen. Diesem Zweck wurde der Bau jedoch niemals zugeführt. Stattdessen diente er für einige Jahre als Schulhort, bevor das Gebäude in Privatbesitz gelangte und zu einem Einfamilienhaus umgebaut wurde.

Die für den 1. August 1900 geplante Einweihung der neuen Eisdorfer Haltestation musste infolge von Bauverzögerungen um zwei Monate verschoben werden und erfolgte schließlich am 1. Oktober. Vom Dienstgebäude oberhalb des Bahndammes sind aus dieser Zeit keine Fotografien bekannt. Lediglich zwei Lithografien, die laut Poststempel 1901 und 1902 gelaufen sind, dienen zur Veranschaulichung der Ursprungssituation (Abb. 3 und Abb. 4). Das Gebäude wird dort als einstöckiger roter Klinkerbau in Fachwerkbauweise dargestellt. Diese Darstellungen entsprechen jedoch nicht genau den tatsächlichen Gegebenheiten, wie Fotografien vom Abriss des Backsteinbaus im April 2019 belegen (Abb. 5). Die Aufnahmen zeigen, dass das Gebäude nicht in Fachwerk ausgeführt war und auch Anzahl sowie Anordnung der Fenster und Türen abwichen. Da Bauweise und Architekturmerkmale einen jüngeren Nachfolgebau ausschließen, sind die zeichnerischen Darstellungen nicht als detailgetreue Abbildungen zu verstehen. Vielmehr ist ihnen eine gewisse künstlerische Freiheit zu attestieren. Fraglich bleibt damit auch, ob der Bahnsteig tatsächlich so flach war, wie es die Lithografien suggerieren. Der Zaun vor dem Dienstgebäude dürfte allerdings den anfänglichen Gegebenheiten nahegekommen sein. Das schmale Planum des Bahndammes bot nicht genügend Platz für das Dienstgebäude. Der Klinkerbau war daher an der Hangkante auf einer Unterkonstruktion errichtet worden (Abb. 6). Der Abbruch erfolgte nach fast 30-jährigem Leerstand und fortschreitendem Verfall. Bis zur politischen Wende konnten im Dienstgebäude noch Fahrkarten erworben werden. Später wurde diese Funktion von einem Automaten am Fuße des Bahndammes übernommen.

Der heute aus Sicherheitsgründen vermauerte Tunnel unter den Gleisen sowie das kleine offene Wartehäuschen auf der gegenüberliegenden Seite des Haltepunktes erscheinen noch nicht auf dem Bauplan von 1899. Vermutlich entstanden diese erst im Zuge späterer Maßnahmen.

Besonders Pendler in den Tag-, Spät- und Nachtschichten der Chemiewerke Leuna und Buna nutzten die Bahnverbindung intensiv. Die sogenannten „Buna-Pelzer“ fuhren morgens um 5:50 Uhr mit dem Zug von Eisdorf ab und kehrten gegen 18 Uhr zurück. Ein als „Lumpensammler“ bezeichneter Nachtzug brachte die Arbeiter der Spätschichten heim.

Eine Sanierung der gesamten Anlage einschließlich der Errichtung von Fahrstühlen auf beiden Seiten der Trasse ist laut Bahnauskunft in den kommenden Jahren vorgesehen. In diesem Zusammenhang soll auch die seit DDR-Zeiten bestehende Bezeichnung der Haltestelle als „Teutschenthal-Ost“ wieder in „Eisdorf“ geändert werden.

Mike Leske (Stand 24.01.2026)

Literatur:

  • Rosemarie Einführ, unveröffentlichtes und undatiertes Manuskript mit Informationen aus dem Nachlass der eigenen Vorfahren (Eisdorf vor 2012).
  • Margarete und Helmut Gerlach, Teutschenthal in alten Ansichten Band 2, (Zaltbommel 2000).
  • Paul Lauerwald, Halle-Kasseler Eisenbahn (Egeln 2015).
  • Mike Leske, 900 Jahre Eisdorf – Die Geschichte des Ortes von den Anfängen der Besiedlung bis in die Gegenwart (Radebeul 2022).

Archivalien:

  • Landesarchiv Sachsen-Anhalt, G 12, Nr. 5956, Haltepunkt Eisdorf.
Abb. 1: Die mächtige Bahnbrücke bildet seit 1864 den nördlichen Zugang zur Eisdorfer Ortslage. Foto: Mike Leske
Abb. 1: Die mächtige Bahnbrücke bildet seit 1864 den nördlichen Zugang zur Eisdorfer Ortslage. Foto: Mike Leske
Abb. 2: Planungsskizze des Bahnhaltepunktes bei Eisdorf aus dem Jahr 1899. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, LASA, G 12, Nr. 5956
Abb. 2: Planungsskizze des Bahnhaltepunktes bei Eisdorf aus dem Jahr 1899. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, LASA, G 12, Nr. 5956
Abb. 3 Die Eisdorfer Bahnhaltestation auf einer 1901 gelaufenen Lithografie
Abb. 3: Die Eisdorfer Bahnhaltestation auf einer 1901 gelaufenen Lithografie. Sammlung Mike Leske
Abb. 4 Die Eisdorfer Bahnhaltestation auf einer 1902 gelaufenen Lithografie
Abb. 4: Die Eisdorfer Bahnhaltestation auf einer 1902 gelaufenen Lithografie. Sammlung Mike Leske
Abb. 5: Das Dienstgebäude der Eisdorfer Bahnhaltestation während der Abrissarbeiten im April 2019. Foto:
Abb. 5: Das Dienstgebäude der Eisdorfer Bahnhaltestation während der Abrissarbeiten im April 2019. Foto: Thoralf Abgajan
Abb. 6: Blick von Süden hoch zum Dienstgebäude der Eisdorfer Bahnhaltestation während der Abrissarbeiten im April 2019. Foto: Mike Leske
Abb. 6: Blick von Süden hoch zum Dienstgebäude der Eisdorfer Bahnhaltestation während der Abrissarbeiten im April 2019. Foto: Mike Leske