Gemeinde Teutschenthal

Die Kerßenbrocksche Tellersammlung – Quelle der frühesten Teutschenthaler Ortsansichten

In der sogenannten Malzscheune in der Lutherstadt Eisleben wird eine kulturhistorisch außergewöhnliche Sammlung verwahrt: die Kerßenbrocksche Tellersammlung. Übersichtlich in einer Wandvitrine im Erdgeschoss präsentiert, zeigen 92 handbemalte Porzellanteller aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Städte, Ortschaften, Rittergüter, Schächte, Mühlen und Fabriken des ehemaligen Mansfelder Seekreises. Dieser Landkreis bestand von 1816 bis 1950 und umfasste den südöstlichen Teil des Mansfelder Landes sowie westliche Bereiche des bestehenden Saalekreises – darunter auch einen Großteil des heutigen Teutschenthaler Gemeindegebiets.

Obwohl die Sammlung deutschlandweit ihresgleichen sucht, findet sie in der Region bislang nur begrenzte Beachtung. Dabei stellt sie für zahlreiche Orte die früheste überlieferte Bildquelle dar und besitzt damit erheblichen dokumentarischen Wert für die regionale Siedlungs- und Baugeschichte. Angeregt durch einen Beitrag von Martin Beitz im Heimat-Jahrbuch Saalekreis 2024 soll im Folgenden insbesondere ihre Aussagekraft für die Ortsgeschichte Teutschenthals und seiner Ortsteile näher betrachtet werden.

Die als Kerßenbrocksche Tellersammlung bekannte Kollektion umfasste ursprünglich mindestens 179 Teile, darunter 132 Schauteller. Der größte Teil befindet sich heute im Besitz der Lutherstadt Eisleben. Vier Teller werden im Deutschen Bergbau-Museum Bochum aufbewahrt, 13 Teller sowie zwei große Platten befinden sich in Privatbesitz und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der Verbleib weiterer Stücke ist ungeklärt; einige dürften im Laufe der Zeit verloren gegangen oder zerstört worden sein (Stand 2020).

Ihre Entstehung verdankt die Sammlung dem 25-jährigen Amtsjubiläum des Landrats Freiherr Bernhard Simon von Kerßenbrock (1800–1872). Anlässlich dieses Jubiläums wurde 1854 ein repräsentatives Tafelservice als Geschenk in Auftrag gegeben. Neben den Schautellern gehörten dazu unter anderem auch Mostrich-Gefäße samt Löffeln – insgesamt 179 Teile.

Mit dem Aufkommen der Porzellanherstellung in Deutschland hatte sich um 1800 die Mode entwickelt, Geschirr mit naturgetreuen Landschafts-, Stadt- oder Ortsansichten – sogenannten Veduten – zu versehen. Besonders die 1763 gegründete Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin avancierte im 19. Jahrhundert zu einer führenden Werkstätte auf diesem Gebiet. Die Wahl dieser renommierten Werkstatt unterstreicht den repräsentativen Anspruch des Jubiläumsgeschenks.

Grundlage der Porzellanherstellung ist Kaolin. Ab 1827 bezog die Berliner Manufaktur dieses ausschließlich aus den Gruben des Unternehmers Johann Gottfried Boltze bei Bennstedt. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass Boltze die Initiative ergriff, dem Landrat zu seinem Jubiläum eine Sammlung von Ansichtentellern „als Denkmal der Liebe und Verehrung, die er im Kreise genießt“, zu überreichen. Der Entstehungsprozess ist dank eines intensiven Briefwechsels gut dokumentiert.

Jeder Ort des Mansfelder Seekreises sollte durch einen Schauteller repräsentiert werden. Die Ansichten wurden vermutlich von vier Kunstlehrern der Region angefertigt, in einem gebundenen Vorlagenbuch zusammengefasst und an die Berliner Manufaktur übersandt. Dort übertrug man die Motive auf die Teller. Die Borde versah man mit dem Wappen der Familie von Kerßenbrock, die Ränder erhielten breite Goldkanten (Abb. 1). Die Gesamtkosten beliefen sich auf 820 Taler und 17 Groschen; jedes dargestellte Dorf übernahm die Kosten für „seinen“ Teller selbst.

Am 25. Februar 1854 – dem Jahrestag der Amtserhebung Kerßenbrocks durch König Friedrich Wilhelm IV. – konnte dem Landrat zunächst lediglich das Vorlagenbuch überreicht werden. Die feierliche Übergabe der fertigen Teller erfolgte erst am 13. Juli desselben Jahres - fast ein halbes Jahr später. Lieferverzögerungen sind also kein Phänomen unserer Tage, wie man mit einem Augenzwinkern bemerken möchte.

An der Festveranstaltung nahmen 231 Gäste aus 68 Orten teil, darunter zahlreiche Vertreter aus den heutigen Ortsteilen Teutschenthals: die Dorfschulzen Barth (Steuden), Heyne (Teutschenthal), Hofmann (Eisdorf) und Schröder (Langenbogen), die Gutsbesitzer Börl (Asendorf), G. Ehrenberg jun. (Dornstedt), Planert (Asendorf) und Trautmann (Teutschenthal), die Grubenbesitzer Bornemann und Heinrich (beide Teutschenthal), der Posthalter Arnold (Langenbogen), Pastor Bischoff (Eisdorf), Amtmann Burghardt (Oberteutschenthal), Zimmerermeister Böhme (Teutschenthal) sowie Oberamtmann Carl Wentzel (Langenbogen).

 

Die Teutschenthaler Ortsansichten

Asendorf (Abb. 2)

Im Vordergrund erstreckt sich der Dorfanger, der bis heute den Mittelpunkt des Ortsteils bildet. Nördlich schließt sich der Dorfteich an. Links dahinter ist die St.-Nikolai-Kirche zu erkennen, die Mitte des 19. Jahrhunderts noch von einer Mauer umgeben war. Den oberen Bildrand bilden Gebäude und kleinere Höfe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts mit Fachwerkgiebeln und Krüppelwalmdächern. Die Darstellung dokumentiert somit die historische Struktur des Dorfangers vor späteren baulichen Veränderungen.

Dornstedt (Abb. 3)

Auf dem Dorfanger befanden sich ursprünglich zwei Dorfteiche, wie die Ansicht belegt. Eine quadratische Mauerstruktur könnte einen Brunnen oder eine Quelleinhegung darstellen. Hinter den nördlich gelegenen Bauergehöften erhebt sich der Turm der St.-Pankratius-Kirche. Die Ansicht liefert damit wertvolle Hinweise zur historischen Gestaltung der Ortsmitte.

Eisdorf (Abb. 4)

Die Darstellung zeigt Eisdorf noch als reines Bauerndorf. Links ist das Gehöft der ehemaligen Wassermühle zu erkennen, rechts schließt sich die alte Ortslage mit kleineren und mittleren Höfen an. Deutlich heben sich das Pfarrhaus und die St.-Johannis-Kirche ab. Im Hintergrund erscheint eine Windmühle – ein Vorgängerbau der in den 1960er Jahren abgerissenen Mühle der Familie Stolze. Die Ansicht überliefert damit ein weitgehend verlorenes Ensemble.

Etzdorf (Abb. 5)

Der kleinste Ortsteil der Einheitsgemeinde Teutschenthal war im späten Mittelalter wüst gefallen; auf der ehemaligen Dorfstelle entstand später ein Gutshof. Die Ansicht zeigt diesen mit typischen Gebäuden des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Das heutige Herrenhaus sowie die markanten Backsteinscheunen wurden erst rund fünf Jahrzehnte später errichtet.

Köchstedt (Abb. 6)

Von Köchstedt ist lediglich die Skizze des Vorlagenbuches erhalten; der Verbleib des zugehörigen Tellers ist ungeklärt. Die Darstellung zeigt die Ortsmitte noch vor Errichtung der sogenannten Schloss-Villa in den Jahren 1906/07 und dokumentiert damit den ursprünglichen baulichen Zustand.

Langenbogen (Abb. 7)

Der Blick von den nördlichen Anhöhen zeigt im Vordergrund die 1848 frisch gegründete Zuckerfabrik von Carl Wentzel. Daneben ist der Domänenhof zu sehen, dessen stattliches barockes Herrenhaus noch immer die Ortsmitte prägt.

Neu-Vitzenburg (Abb. 8)

Der 1892 in Eisdorf aufgegangene Ortsteil erscheint hier noch unter der Bezeichnung „Pfützenburg“. Die dicht gereihten Arbeiterhäuser schließen sich nördlich an den alten Eisdorfer Ortskern an. Im Vordergrund verläuft die von Bäumen gesäumte Zscherbener Straße, die bis ins frühe 20. Jahrhundert die Gemarkungsgrenze zu Bennstedt markierte. Auch hier ist nur das Vorlagenmotiv erhalten; der Teller selbst ist bislang nicht nachweisbar.

Ober- und Mittelteutschenthal (Abb. 9)

Der Blick vom Schafberg nach Westen zeigt im Vordergrund den Gasthof Würdenhof. Links führt die Mittelstraße (heute Karl-John-Straße) nach Oberteutschenthal, aus dessen Ortsmitte der markante Turm der Laurentiuskirche herausragt. Nicht eindeutig entschieden werden kann, ob es sich bei der Windmühle rechts im Bild um die Mühle am Alten Mühlweg oder um „Hoppes Mühle“ am Kopfweg handelt.

Von besonderem Interesse ist ein kleiner Hügel im Vordergrund, auf dessen Rest heute das Wappen der Ortschaft thront. Ob es sich um ein prähistorisches Grabmonument, einen im 19. Jahrhundert aufgeschütteten Feldherrenhügel oder um eine Kombination beider Deutungen handelt, bleibt offen.

Steuden (Abb. 10)

Die Ansicht veranschaulicht zusammen mit dem Steudener Teich und der dahinter aufragenden St.-Trinitatis-Kirche ein besonders malerisches Stück Dorfidyll. Sie belegt, dass die steinerne Uferbefestigung des Weihers erst nach 1854 entstand. Trotz späterer baulicher Veränderungen ist der grundsätzliche Charakter des Ensembles bis heute erkennbar.

Unterteutschenthal (Abb. 11)

Hinter einem Häusermeer aus kleineren Wohngebäuden und Bauerngehöften erhebt sich die St.-Vitus-Kirche. Eine den Ort umschließende Mauer verweist möglicherweise auf einen sogenannten Ortsetter oder auf Reste einer Landwehr. Derartige Siedlungsumfriedungen dienten neben Sicherungszwecken auch der Abgrenzung eines Rechtsbereichs.

Würdenburg Teutschenthal (Abb. 12)

Das im 16. Jahrhundert errichtete Renaissance-Schloss, später barock überformt, diente bis 1832 einer Linie der Herren von Trotha als Familiensitz. Nach jahrelangem Verfall wurde das denkmalgeschützte Gebäude im April 2019 abgerissen. Die Darstellung besitzt daher besonderen Quellenwert für ein unwiederbringlich verlorenes Stück Ortsgeschichte.

Schlussbetrachtung

Die Kerßenbrocksche Tellersammlung stellt für zahlreiche Orte des ehemaligen Mansfelder Seekreises die früheste bildliche Überlieferung dar. Für die Ortsteile der Gemeinde Teutschenthal besitzt sie einen herausragenden Quellenwert für die Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ermöglicht nicht nur die Rekonstruktion historischer Ortsbilder, sondern dokumentiert zugleich bauliche Strukturen, die heute vielfach verändert oder verschwunden sind.

Eine kleine Publikation mit sämtlichen 141 Ansichten des historischen Vorlagenbuches ist in der Bücherei Teutschenthal (Schafberg 3) zum Preis von 5 Euro erhältlich.

Mike Leske (Stand: 24.02.2026)

 

Literatur

  • Martin Beitz, Die Kerßenbrocksche Tellersammlung. Eine wichtige Quelle. In Heimat-Jahrbuch Saalekreis, Band 30 (Langenbogen 2024), S. 74-79.
  • Erlebniswelt Museen (Hrsg.), Regionalgeschichtliche Sammlungen der Lutherstadt Eisleben – Das historische Vorlagenbuch zur Kerßenbrockschen Tellersammlung. Publikationsreihe zu den Verbundmuseen von Erlebniswelt Museen, Band 5 (Sangerhausen 2020).
  • Hartmut Lauenroth, Die Kerßenbrocksche Tellersammlung von 1854 (Langenbogen 2019).
  • Erich Neuß, Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld. Im Seegau. 2. Aufl. (Halle 1999).
Abb. 1: Einer der Teller aus der Sammlung Kerßenbrock mit der typischen Gestaltung. Foto: Mike Leske
Abb. 1: Einer der Teller aus der Sammlung Kerßenbrock mit der typischen Gestaltung. Foto: Mike Leske
Abb. 2: Asendorf. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 2: Asendorf. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 3: Dornstedt. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 3: Dornstedt. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 4: Eisdorf. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 4: Eisdorf. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 5: Etzdorf. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 5: Etzdorf. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 6: Köchstedt. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 6: Köchstedt. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 7: Langenbogen. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 7: Langenbogen. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 8: Neu-Vitzenburg. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 8: Neu-Vitzenburg. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 9: Ober- und Mittelteutschenthal. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 9: Ober- und Mittelteutschenthal. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 10: Steuden. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 10: Steuden. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 11: Unterteutschenthal. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 11: Unterteutschenthal. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 12: Würdenburg Teutschenthal. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben
Abb. 12: Würdenburg Teutschenthal. Tellersammlung Kerßenbrock, Vorlagenbuch, Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben