Die St.-Johannis-Kirche zu Eisdorf – Spiegelbild der über 900-jährigen Ortsgeschichte
Abb. 1: Die St.-Johannis-Kirche in der Eisdorfer Ortsmitte heute. Foto: Hans-Günther Bernstein
Abb. 2: Die Böschungen rechts und links des mit Ziegelsteinen gepflasterten Weges zum Eingangsportal der St.-Johannis-Kirche zeugen von der etwa 800-jährigen Nutzung des umliegenden Kirchgartens als Friedhof. Foto: Mike Leske
Abb. 3: Eine der beiden von ursprünglich vier verbliebenen romanischen Säulen, der als Biforien gestalteten Schallarkaden im Turm der Eisdorfer Kirche. Foto: Mike Leske
Abb. 4: Das romanische Tympanon über dem Eingangsportal der Kirche. Foto: Anja Ulrich
Abb. 5: Die gotische Bronzeglocke im Turm der Johanniskirche wurde im Jahr 1400 gegossen. Foto: Mike Leske
Abb. 6: Blick in den Kirchensaal nach Osten zur 2016 geschaffenen vereinfachten Replik des spätgotischen Altars. Rechts die hölzerne Kanzel aus dem 17. Jahrhundert mit den Abbildungen der vier Evangelisten. Foto: Mike Leske
Abb. 7: Blick in den Kirchensaal nach Westen mit der 1766 eingebauten hufeisenförmigen Empore und der Schleifladenorgel aus dem Jahr 1881. Foto: Mike Leske
Abb. 8: Der aus Eisdorf stammende spätgotische Altaraufsatz im Berliner Bode-Museum im Jahr 2016. Foto: Anja Ulrich
Die evangelische Pfarrkirche St. Johannis ist das älteste erhaltene Gebäude in Eisdorf und prägt bis heute das Ortsbild (Abb. 1). Eine mittelalterliche Erwähnung der Kirche oder eines Pfarrers ist nicht überliefert. Aufgrund ihrer architektonischen Merkmale ist jedoch von einer Erbauung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auszugehen.
Patrozinium
Das im Kern romanische Gotteshaus ist Johannes dem Täufer geweiht. Diese Widmung dürfte auf die Zeit der Erbauung zurückgehen und steht vermutlich im Zusammenhang mit der Christianisierung der Region.
Im Hochmittelalter lebten hier noch Bevölkerungsgruppen slawischer Herkunft, die teilweise heidnische Traditionen pflegten. Die Taufe spielte daher eine zentrale Rolle bei der Ausbreitung des Christentums. Das Patrozinium verweist somit auf die enge Verbindung zwischen Mission, Siedlungspolitik und kirchlicher Organisation.
Lage und ursprüngliche Funktion
Die ursprüngliche Siedlungsform Eisdorfs entspricht im Mittelalter der eines Angerdorfes. Um eine zentral gelegene Freifläche – den Anger – gruppierten sich die Gebäude und Höfe des Ortes. Im südlichen Bereich dieser Fläche wurde die Kirche errichtet. Der umliegende Kirchhof diente über Jahrhunderte als Friedhof, was im Gelände noch heute erkennbar ist (Abb. 2).
Die häufig geäußerte Vermutung, die Eisdorfer Kirche habe im Mittelalter als Wehrkirche gedient, lässt sich nicht bestätigen. Weder die baulichen Gegebenheiten noch der historische Kontext sprechen für eine solche Nutzung.
Von der Filialkirche zur Pfarrkirche
Ein Ersuchen aus dem Jahr 1447 zur Einsetzung eines eigenen Pastors in Eisdorf legt nahe, dass die St.-Johannis-Kirche bis dahin als Filialkirche vom Pfarrer in Deußenthal (Teutschenthal) mitbetreut wurde. Erst danach erhielt Eisdorf einen eigenen Geistlichen.
Im 18. Jahrhundert unterstanden der Johanniskirche auch die Gotteshäuser in Zscherben und Langenbogen. Heute gehört der Eisdorfer Sakralbau zum Pfarrbereich Teutschenthal im Kirchenkreis Halle-Saalkreis.
Architektur
Der Sakralbau wurde ursprünglich als sogenannte Chorturmkirche errichtet: Ein rechteckiger Saalbau wird dabei von einem eingezogenen quadratischen Ostturm ergänzt. Dieser Bautyp ist in der Region selten, findet sich jedoch auch in den Nachbarorten Bennstedt und Köchstedt, was auf eine gemeinsame Herkunft der Erbauer hindeuten könnte.
Ursprünglich war dem Turm vermutlich eine halbrunde Chorapsis angefügt, die um 1500 durch einen spätgotischen Anbau mit polygonalem Abschluss ersetzt wurde.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Gebäude mehrfach verändert. Besonders die Fenster des Kirchenschiffs spiegeln unterschiedliche Bauphasen von der Romanik bis in die Neuzeit wider.
Der Turm hingegen ist weitgehend ursprünglich erhalten. Die romanischen Schallarkaden mit ihren Mittelsäulen zeugen noch heute von der ursprünglichen Gestaltung (Abb. 3).
Das heutige Saaldach des Kirchenschiffs entspricht nicht mehr der ursprünglichen Lösung. Vermutlich wurde im Zuge des Einbaus der barocken Emporen der Giebel samt Traufe erhöht.
Das Tympanon
Der Zugang zum Kirchenschiff erfolgt über ein Tympanonportal auf der Südseite. Die Portallaibungen wurden zwar später mit Ziegeln verändert, doch dürfte sich das reliefierte Sandsteinbogenfeld (Abb. 4) noch am ursprünglichen Standort befinden und aus der Erbauungszeit stammen.
Es zeigt Christus als segnende Gestalt mit Buch und Kreuznimbus, begleitet von zwei Tierdarstellungen, die unterschiedlich interpretiert werden.
Eine Deutung sieht darin die Verkündigung des Evangeliums an die Heiden, eine andere versteht die Szene als Darstellung Christi als Weltenrichter. Auch eine symbolische Gegenüberstellung von Gut und Böse ist denkbar.
Glocken
Der hölzerne Glockenstuhl diente ursprünglich zur Aufnahme von zwei Glocken und stammt vermutlich aus dem Jahr 1783, worauf eine Inschrift am Gebälk des östlichen Glockenjochs hinweist. Nur wenige Jahrzehnte zuvor ist noch von drei unterschiedlich großen Glocken die Rede.
Heute ist lediglich eine spätmittelalterliche Bronzeglocke erhalten, die vermutlich um 1400 gegossen wurde (Abb. 5). Eine größere Glocke wurde wahrscheinlich im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Fragmente deuten darauf hin, dass es einst noch eine weitere Glocke gegeben haben könnte.
Innenraum und Ausstattung
Vom hochmittelalterlichen Inventar der Kirche hat sich kaum etwas erhalten. Möglicherweise stammt die rundbogige Sakramentsnische in der Nordostwand des Choranbaus noch aus der ursprünglichen Apsis. Ebenso ist unklar, ob eine heute als Stufe dienende Mensa mit drei Weihekreuzen und zugesetztem Sepulcrum zum romanischen Altar gehörte.
Die ehemals auf Emporenhöhe in den Saal ragende hölzerne Kanzel aus dem 17. Jahrhundert ruht heute auf einem Steinsockel. Der bemalte Kanzelkorb zeigt Christus zusammen mit den vier Evangelisten (Abb. 6).
Die in die Mitte des 18. Jahrhunderts datierende Hufeisenempore mit gedrehten Pfosten ist auf der Nordseite zweigeschossig (Abb. 7). Auf ihrer Westseite befindet sich eine kleine mechanische Schleifladenorgel von Johann Gottlieb August Apel aus dem Jahr 1881.
Eine Predella mit Abendmahlsdarstellung aus dem 17. Jahrhundert – vermutlich Teil eines anderen barocken Schreins – wird seit dem 19. Jahrhundert als Altarbild verwendet.
Dieses Provisorium ersetzte einen spätgotischen Schnitzaltar, der aufgrund seines schlechten Zustands nach Halle in das Provinzialmuseum abgegeben wurde. 1915 wurde er nach Berlin verkauft und während des Zweiten Weltkriegs nach Göttingen ausgelagert; 1968 gelangte das Retabel nach West-Berlin.
Heute befindet sich der restaurierte spätmittelalterliche Altaraufsatz in der Skulpturensammlung des Berliner Bode-Museums (Abb. 8). Der Zweiflügelaltar aus der Zeit um 1510/20 besteht aus Lindenholz. Der Mittelschrein zeigt die Muttergottes zwischen den Heiligen Nikolaus und Barbara. Die Innenseiten der Flügel tragen jeweils vier weitere vollplastische Heiligenfiguren.
Auf den Außenseiten sind der Kirchenpatron Johannes der Täufer und der Heilige Laurentius dargestellt. Die Predella zeigt die Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen Drei Könige. Es ist anzunehmen, dass der Flügelaltar zur ursprünglichen Ausstattung der damals neu geschaffenen Chorerweiterung gehörte.
2016 wurde anlässlich des Tags des offenen Denkmals eine vereinfachte Replik des spätmittelalterlichen Kirchenaltars geschaffen, die seither die Wirkung und Dimensionen des historischen Originals veranschaulicht.
Bedeutung für den Ort
Die St.-Johannis-Kirche blickt auf eine rund 900-jährige Geschichte zurück. Sie ist nicht nur ein bedeutendes Bau- und Kunstdenkmal, sondern auch ein zentrales Zeugnis der Ortsgeschichte.
Als ältestes Gebäude Eisdorfs verbindet sie die Anfänge der Siedlung mit der Gegenwart und bleibt ein prägendes Symbol für die Entwicklung des Ortes.
Mike Leske (Stand 30.03.2026)
Literatur
- Dr. Adolf Brinkmann und Prof. Dr. Hermann Größler, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Mansfelder Seekreises (Halle 1895).
- Christian Gottlieb Buder, Diplomataria Et Scriptores Historiae Germanicae Medii Aevi. 2 (Altenburg 1755).
- Rosemarie Einführ, unveröffentlichtes und undatiertes Manuskript mit Informationen aus dem Nachlass der eigenen Vorfahren (Eisdorf vor 2012).
- Johann Ludwig Heineccius, Ausführliche topographische Beschreibung des Herzogthums Magdeburg und der Grafschaft Mansfeld, Magdeburgischen Antheils (Berlin 1785).
- Bernd Hofestädt, Die Taxation der Einwohner der Grafschaft Mansfeld von 1623 (dritte Fortsetzung), 4. Teil: Die Trothischen Untertanen in Bennstedt, Köllme und Eisdorf. In: Ekkehard, Familien und regionalgeschichtliche Forschungen Heft 3/98 (Halle 1998), S. 81-87.
- Dirk Höhne, Die romanischen Dorfkirchen des Saalkreises. Eine baugeschichtliche Untersuchung (Halle 2015), S. 300-305.
- Mike Leske, 900 Jahre Eisdorf – Die Geschichte des Ortes von den Anfängen der Besiedlung bis in die Gegenwart (Radebeul 2022).
- Tim-Dietrich Meyer, Die Johann-Gottlieb-August-Apel-Orgel zu Eisdorf. In: Heimat-Jahrbuch Saalkreis, Band 11 (Halle 2005), S. 104-105.
- Erich Neuß, Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld. Im Seegau. 2. Aufl. (Halle 1999).
- Johann Christoph von Dreyhaupt, Pagus Neletici et Nudzici Erster Theil 1749/50, Neuauflage (Halle 2000).
Archivalien
- LASA, A 12a I, Nr. 500, Landesarchiv Sachsen-Anhalt, online unter: http://recherche.landesarchiv.sachsen-anhalt.de/Query/detail.aspx?ID=2324220 (Zugriff am 12.01.2021).
- LASA, A 12a I, Nr. 2305, Landesarchiv Sachsen-Anhalt, online unter: http://recherche.landesarchiv.sachsen-anhalt.de/Query/detail.aspx?ID=2350681 (Zugriff am 12.01.2021).

