Gemeinde Teutschenthal

Ein Megalithgrab bei Köchstedt?

Am Rande des Teutschenthaler Ortsteils Köchstedt erhebt sich auf einem sanften Hügel ein archaisch wirkendes Monument (Abb. 1). Seine aus dunkelbraunen Steinblöcken errichtete gedrungene Gestalt vermittelt den Eindruck eines prähistorischen Megalithgrabes. Der durch flankierende Stelen sowie eine breite Freitreppe hervorgerufene repräsentative Charakter erinnert wiederum an eine Denkmalanlage. Doch wann und zu welchem Zweck wurde das Bauwerk errichtet? In der regionalen Literatur findet es keinerlei Erwähnung. Selbst das Denkmalverzeichnis des Saalkreises lässt die Köchstedter Anlage völlig außer Acht. Sogar bei den Einheimischen war deren Bedeutung inzwischen längst in Vergessenheit geraten. Manche bezeichneten es als Hünengrab, andere wiederum sahen darin eine Gedenkstätte der Nationalsozialisten.

So unscheinbar wie die Anlage auf dem ersten Blick auch erscheinen mag, so interessant und exemplarisch ist deren Hintergrundgeschichte:

In der Altforschung standen Deutungen archäologischer Befunde oft im Kontext einer nationalen oder völkisch motivierten germanischen „Pseudovergangenheit“. Besonders Befunde, deren Verhältnisse für den Ausgräber nicht klar oder eindeutig erschienen, liefen Gefahr, eine zeitgeistige Verklärung zu erfahren. Ohne wissenschaftliche Grundlagen konstruierte man nicht selten Parallelen von den vermeintlich tugendhaften germanischen Vorfahren bis in die Gegenwart. Nicht ganz uneigennützig lieferte die Archäologie dabei die Legitimationen für die nationalsozialistische Ideologie und deren Herrschaftsansprüche. Die Denkmalsanlage von Köchstedt steht spiegelbildlich für diesen Zeitgeist.

Fundgeschichte

Am 21. Oktober 1925 wurden beim Dampfpflügen auf einem Acker nördlich des Teutschenthaler Ortsteils Köchstedt, westlich mehrere ungewöhnlich große Steinblöcke herausgerissen. Nach erfolgter Meldung durch den Gutsbesitzer Rittmeister a.D. Hans Ernst Koch traf noch am gleichen Tag der schwedische Archäologe Dr. Nils Niklasson an der Fundstelle ein. Aufgrund der Einberufung verschiedener Mitarbeiter zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg unterstützen damals sechs schwedische Archäologen im Rahmen eines Abkommens mit dem schwedischen Reichsantiquar zeitweilig die Arbeit des damaligen Provinzialmuseums in Halle. Unter ihnen auch Niklasson, welcher bereits 1916 als Student in die Saalestadt kam und hier bis 1929 tätig war. Bekanntheit erlangte der Schwede vor allem auf Grund seiner Forschungen zur Baalberger Kultur und den ersten Ausgrabungen in Salzmünde. Im Auftrag des Provinzialmuseums inspizierte Niklasson die offengehaltene Fundstelle in Köchstedt. Jedoch hatte man bereits vor dessen Eintreffen einige der gefundenen Steinblöcke an den Straßenrand verlagert. Anhand der Angaben des Dampfpflugführers wurde ein vermeintlicher Urzustand rekonstruiert (Abb. 2). Dem Fundbericht ist zu entnehmen, dass nach Niklassons Vermutung ursprünglich vier kleinere Blöcke einen großen unregelmäßigen Block gestützt haben. Daneben lag auf gleicher Höhe ein massiver Stein auf dem natürlich gewachsenen sandigen Boden. Die beiden massiven Blöcke hatte Niklasson mit etwa 1,5 m x 1,5 m x 0,70 m und 1,5 m x 1,00 m x 0,70 m vermessen. Die Maße der anderen Steinblöcke wurden nicht notiert. Die Sohle der Anlage gab er mit 1,30 m an. Darüber hatte der Archäologe eine 0,50 m starke Humusschicht ausgemacht. Das Material der gefundenen Komponenten bestimmte er als dichtes Quarzitsandstein. Niklasson betonte in seinem Bericht die Ost-West-Ausrichtung des Gesamtkomplexes sowie dessen exponierte Lage. Nach seinen Angaben enthielt der Befund weder Skelettreste noch Beigaben. Außerdem erschien ihm der beengte Raum zwischen den stützenden Steinen für eine Grablegung zu klein, so dass er anfänglich einen Bestattungskontext ausschloss.

Fundstelle

Die Fundstelle der Steinblöcke befindet sich 1 km nordöstlich der Ortslage Köchstedt; auf einem landwirtschaftlich genutzten, sanften Höhenplateau zwischen Bennstedt und Langenbogen. Die Anhöhe erstreckt sich über den gesamten nordöstlichen Teil einer Hauptterrasse aus Schottersedimenten, welche sich infolge des Elster-Saale-Interglazials hier abgelagert hatten. Die sonst recht ebene Fläche wird nur im westlichen Bereich durch einige Senken gestört. Diese Bodenvertiefungen stehen mit ehemaligen Braunkohlegruben in Zusammenhang und bezeugen den obertägigen Bergbau im 19. Jahrhundert auf dem Terrain. Das Plateau verjüngt sich in Form einer Geländezunge in westöstlicher Richtung. Dabei erhebt sich der Sporn etwa 10 m über dem südöstlich vorbeifließenden Würdebach, zu dem er steil abfällt. Auch zur nordöstlichen Seite ist ein deutlicher Höhenunterschied mit einem teilweise steilen Abhang zu verzeichnen.

Der Flurname selbst liefert keinen Hinweis auf eine prähistorische Stätte. Auf einem Messtischblatt des Kgl. Preuss. Generalstabe von 1852 erscheint das Fundterrain unter der Bezeichnung „Die Längen“. Da der westlich angrenzende Acker auf dieser Karte als „Das kleine Feld“ erscheint, ist diese Bezeichnung wohl als lange Feldflur zu deuten. Ebenso ist eine Herleitung des Flurnamens in Bezug auf die Topographie der langgestreckten Geländezunge nicht auszuschließen.

Die Steinblöcke wurden am nordöstlichen Abhang des Spornplateaus ausgepflügt. Diese exponierte Stelle zeichnet sich durch ihre Lage am Rand der Anhöhe, hoch über dem Würdebachtal aus. Von hier aus lässt sich weit in die Landschaft blicken. Ein Hügel an dieser Stelle hätte zudem eine weithin sichtbare Landmarke dargestellt.

Eine Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1993 zeigt neben Vegetationsanomalien, welche auf die besagten ehemaligen Braunkohlegruben zurückzuführen sind, auch eine West-Ost verlaufende Grubenreihe (pit alignment).

Trotz mehrmaliger Geländeprospektionen durch den Verfasser auf der Flur konnte kein prähistorischer Lesefund erzielt werden. Es fanden sich lediglich zahlreiche kleinere Scherben, welche dem typischen Scherbenschleier entstammen und weder einem Siedlungs- noch einem Bestattungskontext zuzuordnen sind. Vorwiegend handelte es sich bei den gefundenen Keramikstücken um frühneuzeitliche Irdenware und Steinzeug. Einige wenige Fragmente stammen aus dem 12. oder 13. Jh. Dieser Scherbenschleier gelangte infolge von Mistdünnung auf die Felder. Es ist zu vermuten, dass das Terrain bereits weit vor dem Industriezeitalter landwirtschaftlich genutzt wurde.

Völkisch-/nationalsozialistische Verklärung

Im Fundstellenarchiv des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle finden sich in der Köchstedter Ortsakte neben dem Fundbericht und einer Befundskizze noch weitere Unterlagen. Diese berichten vom nachfolgenden Umgang mit den ausgepflügten Steinblöcken. Aus mehreren Schreiben, die der Gutbesitzer Hans Ernst Koch im Sommer 1933 mit der Landesanstalt für Vorgeschichte wechselte, geht hervor, dass er die Blöcke nicht zerschlagen ließ, sondern auf seinem Gut aufbewahrte. Niklasson hatte ihm im persönlichen Gespräch weitere Deutungen anvertraut und dabei die Möglichkeit eines Schein- oder Leergrabs „für einen Führer oder Großen der Gegend, der zur Verteidigung ausgezogen, nicht in die Heimat zurückgekehrt sei“ in Erwägung gezogen. Als Andenken an diesen habe man die nach Osten hin offen gebliebene Grabanlage mit einer Art Vorkammer versehen und als Sinnbild für den Toten irgendeinen vergänglichen Gegenstand eingelegt. „Nach Verlauf einer langen Zeitspanne, nachdem Erinnerungs- bzw. Gedächtnisfeiern an diesem Platz zur regelmäßigen Zusammenkunft weiterer führender Personen geworden sei, habe man diese Erinnerungsstätte zum Richtplatz benutzt, worauf die im Kreise angebrachten ca. 12 großen Steine hinweisen“.

Mit dieser Deutung erfuhren die Steine eine heroische bzw. fast mythische Aufladung, was Gutsbesitzer Koch inspirierte, aus diesen ein Denkmal für „alle gefallenen, nicht zurückgekehrten Vaterlandskämpfer seit 1914 bis X“ zu errichten. Neben der Begeisterung für die Interpretation des archäologischen Befunds, waren sicher auch persönliche Erlebnisse ausschlaggebend für diese Ambition. Als Weltkriegsteilnehmer hatte der Rittmeister a. D. die Dramatik des Krieges miterlebt. Sicherlich war seine Mitgliedschaft im Köchstedter Kriegerverein der Denkmalidee ebenso zuträglich. Diese Vereinigung bestand in den 1920er Jahren vorwiegend aus Veteranen des Ersten Weltkriegs. Die Gemeinde Köchstedt hatte im Ersten Weltkrieg sieben Söhne verloren. Eine sandsteinerne Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen war bereits in den 1920er-Jahren an der Westwand der Köchstedter Kirche angebracht worden.

Die Grabanlage sollte unter Mithilfe der damaligen Landesanstalt für Vorgeschichte aus den ausgepflügten Steinplatten möglichst Originalgetreu rekonstruiert und zu einem Kriegerdenkmal umfunktioniert werden. Als Aufstellungsplatz wählte man eine sanfte Anhöhe am westlichen Ortsrand, ca. 1,1 km südwestlich der ursprünglichen Fundstelle. Innerhalb eines knappen Jahres entstand eine ebenerdige Anlage, die bis heute den Eindruck eines monumentalen Megalithgrabs in Form eines erweiterten Dolmens erweckt. Mittels einer Baumgruppe, einer breiten Freitreppe sowie zweier Säulen für Pechpfannen war die Denkmalsanlage zudem besonders repräsentativ inszeniert worden (Abb. 3). Im September 1934 lud Stützpunktleiter Häsler die Herren der Landesanstalt für Vorgeschichte zur Besichtigung des neuerstandenen Ehrenmals ein. Der Zeitpunkt für die Denkmalsbestrebungen – nur wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten - dürfte kein Zufall gewesen sein. Ideologisch bedingt zeigten die neuen Machthaber ein verstärktes Interesse an solchen „Monumenten nationaler Größe und Geschichte“. Die Tatsache, dass nun der Stützpunktleiter bzw. Adjutant des NS-Ortsgruppenleiters den Schriftverkehr mit der Landesanstalt für Vorgeschichte führte, verdeutlicht die politische Einflussnahme.

In einem anlässlich der Einweihungsfeierlichkeiten erschienenen Artikel der Mitteldeutschen Nationalzeitung vom März 1934 erfährt die Anlage ihre endgültige Verklärung zum nationalsozialistischen „Heldendenkmal“. In der heroisierenden Darstellung treten erstmals die Germanen als Urheber des Steingrabes von Köchstedt in Erscheinung. Als Bezugsquelle der Steinblöcke wird der Harz genannt. Die deutliche Entfernung zum Aufstellungsort sollte wohl die Größe der Erbauer sowie die herausragende Bedeutung des „Führers der Gegend“, an welchen die Anlage erinnere, hervorheben. Die Heldenhaftigkeit der vermeintlich germanischen Vorfahren und deren tugendhafter Charakter sowie die Überlegenheit der Rasse werden im Artikel zum Vorbild der Gegenwart idealisiert. Der anhand des archäologischen Befunds abgeleitete Vergleich zwischen Arminius und Adolf Hitler unterstreicht das „Führerprinzip“ und fungiert als Verbindung zwischen einer kriegerisch siegreichen Vergangenheit hin zu einer mindestens ebenso erfolgreichen Gegenwart. Mittels der „gefallenen Helden“ der Gegenwart und der „gefallenen Helden“ der Vergangenheit wird der „Opfergeist“ der „Volksgemeinschaft“ beschworen, der als Grundstein „für weitere Jahrtausende heldenhafter deutscher Geschichte“ stilisiert wird.

Ob das Köchstedter Kriegerdenkmal während der NS-Zeit regelmäßig für heroisierende Zeremonien genutzt wurde, ist unklar. Zur weiteren Denkmalgeschichte liegen keine Aufzeichnungen vor. Nach Stand der Dinge ist davon auszugehen, dass die Stätte recht bald in Vergessenheit geriet. Eine Bronzetafel, wie sie 1934 noch für die Vorkammer der Anlage angedacht war und deren eiserne Befestigungen noch im Mauerverbund zu sehen sind, ist offensichtlich niemals angebracht worden. Bereits in den 1960er Jahren entstand unmittelbar angrenzend die Kaserne einer Versorgungseinheit der Sowjetarmee, welche das Denkmal unberührt ließ. Die Bedeutung der Anlage als Heldengedenkort zur Demonstration nationaler Größe war offenbar zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bekannt.

Weitere Beispiele für Kriegerdenkmale in Hünengrabarchitektur

Auch wenn die Hünengrabarchitektur in der Denkmalslandschaft des Saalekreises kaum in Erscheinung tritt, ist sie für Sachsen-Anhalt nicht ungewöhnlich. Vor allem in den nördlichen Landesteilen sind Kriegerdenkmale in dieser Architekturform häufiger anzutreffen. Die Regionen der Altmark oder des Haldenslebener Forstes sind Gegenden, in denen glaziale Endmoränen gewaltige Findlinge zurückließen. Die riesigen eiszeitlichen Geschiebe dienten den dort lebenden Trichterbechergemeinschaften bereits ab der Mitte des 4. Jts. v. Chr. zum Bau monumentaler Großsteingräber. Ursprünglich gab es allein in der Altmark über 200 dieser Anlagen. Infolge vorwiegend neuzeitlicher Zerstörungen haben sich davon nur noch 48 Megalithgräber erhalten. Als in den 1920er-Jahren auch in dieser Region der Wunsch nach Kriegerdenkmalen zu Ehren der Gefallenen des Weltkrieges aufkam, wurden die Monumente vielerorts in Anlehnung an die Architektur prähistorischer Großsteingräber der Umgebung errichtet. Im Vordergrund stand dabei ebenso die germanische Heldenverehrung, welche für die Erbauer solcher Anlagen gehalten wurden. Beispiele für altmärkische Kriegerdenkmale in Hünengrabarchitektur finden sich im Rohrberger Ortsteil Ahlum sowie im Ortsteil Bornsen der Gemeinde Jübar, beide Altmarkkreis Salzwedel. Hinter dem Kriegerdenkmal von Kläden, Lkr. Stendal, verbirgt sich ein ähnlicher Hintergrund wie im Fall der Köchstedter Denkmalanlage. 1931 wurden dort die gewaltigen Findlinge aus einem sich bereits aufgrund von Kiesabbau in Auflösung befindlichen ortsnahen Großsteingrabes abtransportiert. Neben der Dorfkirche wurden diese dann in Form eines Dolmens zusammengefügt und als Ehrenmal für die Weltkriegsopfer des Ortes umgewidmet. Obwohl die Grabform eines Dolmens in der Altmark nicht vorkommt, war diese Art der Gestaltung vom Stendaler Prähistoriker Paul Kupka vorgeschlagen worden.

Neu-Interpretation

Die Beschreibungen des Fundberichts in Verbindung mit der zugehörigen Skizze lassen durchaus den Schluss zu, dass die gefundenen Steinblöcke den einstigen Zweck eines Grabbaus erfüllten. Die exponierte Lage des Fundplatzes bestärkt diese Annahme. Eine eindeutige Identifikation als Grab wird zwar durch die skelett- und beigabenlose Befundlage erschwert, schließt den Bestattungskontext jedoch nicht aus.

Das zum Bau der Anlage verwendete Gestein weist keine abgerundeten Ecken und Kanten auf, wie wir sie von Findlingen kennen. Eine glaziale Akkumulation als Hintergrund der hohen Konzentration so großer Blöcke gleichen Materials an derselben Stelle kann daher ausgeschlossen werden. Auch die Möglichkeit, die Fundgrube als „Entsorgungsloch“ zu betrachten, in welchem infolge einer früheren Geländebereinigung störende Steine beseitigt wurden, scheidet aus. Bereits die architekturähnliche Schichtung der Steine, wie es die Befundskizze vermittelt, widerspricht dieser These. Die Ursache kann nur mit einem anthropogenen Wirken in Zusammenhang stehen. Nils Niklasson bestimmte das Gesteinsmaterial 1925 als Quarzitsandstein. Genauer handelt es sich dabei um Braunkohlenquarzit. Besonders im Saalegebiet wurden Steinkisten häufig aus diesem im Tertiär entstandenen und regional verbreitetem Material gefertigt. Wie das geologische Kartenmaterial zeigt, steht ein natürlich gewachsenes Braunkohlenquarzitmassiv wenige hundert Meter westlich der Fundstelle an. Das Baumaterial der Grabanlage wurde demnach aus der näheren Umgebung gebrochen und „nur“ einige hundert Meter zum Rand des Höhenzuges herangeschafft. Da alle Blöcke über ein enormes Gewicht verfügen, setzt diese Anstrengung dennoch eine gewisse Organisation und Motivation einer Gruppe voraus. Nicht zuletzt auch in Anbetracht der Lage des Fundplatzes und der Ausrichtung der Anlage scheint ein Bestattungshintergrund daher am wahrscheinlichsten. Als zeitlichen Rahmen für die Erbauung der Grabanlage wird das Neolithikum postuliert. Die Fundsituation wie Lage, Ausrichtung und Art der Steinblöcke findet sich im Bestattungsrepertoire einiger in Mitteldeutschland verbreiteter jungsteinzeitlicher Kulturen wieder.

Der in der Befundskizze rekonstruierte Aufbau der Grabkonstruktion mit vier scheinbar auf den Flachseiten liegenden Steinen, die einen massiven Block tragen, während ein anderer daneben auf gleicher Höhe auf dem Sandboden ruht, erscheint fraglich. Dieser Eindruck kann nur infolge der massiven Störung des Befunds durch den Dampfpflug entstanden sein. Die Vermessungsergebnisse der Denkmalsbestanteile sowie deren Beschaffenheit lassen die Schlussfolgerung zu, dass die ursprüngliche Anlage in Form einer Steinkiste aus zwei langen und zwei kurzen tragenden Blöcken konstruiert war. Bei einer einheitlichen Stärke von ungefähr 0,30 m ergaben die Messungen 1,20 m x 1,00 m und 1,20 m x 0,95 m für die langen Wandplatten sowie 0,55 m x 0,75 m und 0,50 m x 0,80 m für die kurzen Wandungen. Abgedeckt wurde das Grab durch die beiden unregelmäßigen Deckblöcke, welche weitgehend den Messungen Niklassons entsprechen. Im Vergleich zu den beiden unregelmäßigen massiven Deckblöcken wirken die Tragsteine eher flach und plattig. Hinsichtlich der Maße des Innenraums wäre es sinnvoll, die beiden schmalen Wandplatten im rechten Winkel zwischen den langen Wandplatten zu positionieren. Das Ergebnis dieser Hypothese ist eine rechteckige Steinkiste mit einem ungefähren Außenmaß von 1,20 m x 1,00 m (Abb. 4). Der Grabraum selber wäre mit den Abmessungen von 0,70 m x 0,50 m sehr beengt gewesen. Damit die Wandplatten nicht durch den äußeren Erddruck in den Grabraum geschoben worden bzw. umgefallen wären, mussten diese einige Zentimeter unter dem Grabbodenniveau eingetieft werden. Dies wiederum hätte eine Grabraumhöhe zwischen 0,50 m und 0,70 m zur Folge gehabt. Die beiden massiven Deckblöcke überkragen bei einer solchen Konstruktion die Steinkiste auf allen Seiten deutlich. Die Abdichtung der Fugen zwischen den unbündig abschließenden Bauteilen kann durch die im Befundzusammenhang erwähnten kleineren Steine erfolgt sein. Da aus dem Fundbericht auch keine Bodenpflasterung bekannt ist, wird davon ausgegangen, dass der Grund der Steinkiste aus dem reinen Sandboden bestand.

Aufgrund des Fehlens datierbaren Materials muss sich der Versuch einer kulturellen Zuordnung des Befundes auf die wenigen Beschreibungen des Fundberichts, wie Ost-West-Ausrichtung, exponierte Lage und Beigabenarmut, stützen. Auch der Vergleich mit der hypothetischen Rekonstruktion sowie deren Morphologie dient diesem Zuweisungsansatz. Zudem beschränkte die Festlegung auf das Neolithikum als zeitlichen Hintergrund das Spektrum an in Frage kommenden Kulturgruppen als Urheber der Grabstätte. In Abwägung der genannten Charakteristika der Anlage und im Vergleich mit den Bestattungssitten der in Mitteldeutschland nachgewiesenen jungsteinzeitlichen Gemeinschaften rückten die Träger der Baalberger Kultur tendenziell als Erbauer des Köchstedter Steinkistengrabes in den Vordergrund. Deren Grabanlagen weisen in der Regel eine strenge von Osten nach Westen verlaufende Orientierung auf. Außerdem konzentrierten sich Baalberger Gräber oft auf weithin sichtbare Höhen – besonders auffallend im Zusammenhang mit Hügelgräbern.

Die Frage nach einer möglichen Überhügelung kann auf Grund fehlender Befunde und Beobachtungen nur spekulativer Natur sein. In Anbetracht der exponierten Lage liegt eine solche aber durchaus im Bereich des Möglichen. Im Zusammenhang mit der Baalberger Kultur treten Grabhügel in Mitteldeutschland erstmalig in Erscheinung. Zwar sind diese gegenüber Gräbern ohne erkennbaren Hügel in der Minderheit, dieser Eindruck kann aber infolge der landwirtschaftlichen Nutzung der regionalen Feldfluren, verzerrt sein. Da das Fundgelände ebenfalls seit unbestimmter Zeit ackerbaulich genutzt wird und somit mögliche Strukturen eingeebnet wurden, muss auch die Frage nach einem für Baalberger Grabanalgen typischen umgebenden Trapezgraben offenbleiben.

Gemeinsamkeiten zwischen dem Köchstedter Grab und Baalberger Steinkisten finden sich auch in deren Beschaffenheit. Für die Baalberger Gruppe sind schwere Steinkisten belegt. Ihr Aufbau besteht aus vier Wandplatten. Hervorzuheben ist deren megalithische Wirkung, vor allem infolge ihrer mächtigen Deckblöcke, ähnlich wie im Dolmenstil, oft mit bis zu fünf Tonnen schweren Deckplatten. Eventuell steht diese Architektur sogar unter einem megalithischen Einfluss. Durch die Verwendung von massiven Steinplatten und -blöcken aus knollenartigem Braunkohlenquarzit wird auch dem Köchstedter Grabbau eine solche megalithische Wirkung verliehen. Eine weitere Parallele zu den Baalberger Steinkisten liefern deren Decksteine, die bis zu 0,50 m überstehen können. Ein solches Überkragen wird für die hypothetische Rekonstruktion der Köchstedter Steinkiste ebenfalls angenommen. Auch die Eintiefungen Baalberger Gräber von bis zu 1,50 m weichen unwesentlich von Niklassons Messung mit 1,30 m ab. Baalberger Steinkisten verfügen über keinerlei Bodenpflasterung. Eine solche war laut Fundbericht auch im Köchstedter Fall nicht festgestellt worden. Bezüglich der Architektur des Grabraumes lassen sich weitere Übereinstimmungen zwischen der Baalberger Kultur und der hypothetischen Rekonstruktion der Köchstedter Steinkiste feststellen. Baalberger Grabkammern sind meist sehr klein und eng gehalten. Die Längen werden hier zwischen 1,20-1,50 m, die Breiten mit von 0,50-0,80 m angegeben. Hinzu kommt eine korrespondierende Raumhöhe von 0,3-0,6 m. Die Körperbestattung war vorwiegend in Einzelgräbern und dabei in rechter Hockerlage bei dieser Kulturgruppe üblich war. Da Brandbestattungen nicht bezeugt sind, haben solche Grabkammern eine sehr gedrungene und zusammengekauerte Hocklage zur Folge. Kinderbestattungen waren ohnehin in solchen engen Steinkisten möglich. Im Gegensatz zu N. Niklassons Behauptung ist also auch in der Köchstedter Steinkiste – trotz der Beengtheit des Grabraumes – die Bestattung eines erwachsenen Individuums unter den genannten Gegebenheiten möglich. Die Enge des Grabraumes deckt sich mit der Armut der Beigabenausstattung. Da in Köchstedt beim Auffinden der Steinplatten ebenfalls keinerlei Beigaben beobachtet wurden, passt dieser Umstand wiederum ins Bild dieser Kulturgruppe.

Die Beobachtungen des Köchstedter Befunds und die Ergebnisse der hypothetischen Rekonstruktion lassen sich ausnahmslos mit den Erkenntnissen zum Baalberger Bestattungskontext vereinbaren. Weitere Untermauerung erfährt die Zuordnung durch einen Skelettfund, unweit der Fundstelle der Steinblöcke: 1934 wurde ca. 250 m westlich am nördlichen Abhang desselben Höhenplateaus ein in Ost-West-Richtung und in rechter Hocklage bestattetes Individuum entdeckt. Der Kopf befand sich dabei im Osten, während der Blick nach Norden gerichtet war. Beigaben konnten nicht dokumentiert werden. Lage, Ausrichtung und Beigabenlosigkeit passen hier ebenfalls ins Bild des Baalberger Bestattungsritus. Die Anwesenheit dieser Gruppe in der Region ist u. a. durch Funde bei Wansleben am See (Mansfeld-Südharz) belegt. Am dortigen Windmühlenberg, ca. 2 km westlich vom Köchstedter Fundplatz entfernt, fanden sich Gräber, deren spärliches Keramikinventar eindeutig der Baalberger Kultur zugehörig ist.

Fazit

Die 1925 bei Köchstedt aufgepflügten Steinblöcke sind mit großer Wahrscheinlichkeit in einem neolithischen Grabkontext zu sehen. Nach eigener Hypothese bildeten diese eine beengte Steinkiste mit massiven überkragenden Deckplatten. Insbesondere die Morphologie des Grabbaus sowie dessen Ausrichtung und Lage bestärken die Tendenz, die Träger der Baalberger Kultur als Urheber der Grabstätte zu favorisieren.

Trotz der fehlenden Authentizität und seiner verklärten Umdeutung als völkisches Heldenmonument ist das Köchstedter Steingrab bzw. Kriegerdenkmal heute ein wichtiges Zeugnis für die Instrumentalisierung der Erinnerungskultur sowie die Veränderung innerhalb der deutschen Archäologie im 20. Jh. Bedenkt man darüber hinaus, dass 1925 beim Abtransport der mächtigen Steinblöcke zwei Dampfmaschinen unter mehrmaligem Zerreißen der Stahlseile vonnöten waren, ist es gleichzeitig ein Beleg für das Potenzial der neolithischen Bevölkerung in der Region.

 

Mike Leske

(Stand: 13. Mai 2024)

 

 

Literatur:

Mike Leske, Ein Megalithgrab bei Köchstedt? Neu-Interpretation des Befundes und seine ideologische Verklärung (Teutschenthal 2014).

Abb. 23
Abb. 1: Die Köchstedter Denkmalsanlage heute. Foto: M. Leske
Abb. 3 Befundskizze von 1925
Abb. 2: Befundskizze von 1925. Abbildung: LDA Sachsen-Anhalt, Archiv
Abb 4 Zeichnung der Neuanlage von 1934
Abb. 3: Entwurfszeichnung der Denkmalsanlage von 1934. Abbildung: LDA Sachsen-Anhalt, Archiv
Abb. 2 Rekonstruktionsversuch des Steinkistengrabes von Köchstedt. Skizze nach M. Leske
Abb. 4: Rekonstruktionsversuch des Steinkistengrabes von Köchstedt. Skizze nach M. Leske