Die Würdenburg - Das wahre Schloss zu Teutschenthal
Mehr als 400 Jahre prägte ein stattliches Schloss die Ortsmitte von Teutschenthal. Gemeint ist jedoch nicht das gründerzeitliche Herrenhaus der Unternehmerfamilie Wentzel in Oberteutschenthal, das im Volksmund als „Schloss“ bezeichnet wird. Das eigentliche historische Schloss des Ortes befand sich unweit der heutigen Gemeindeverwaltung: die Würdenburg.
Auch wenn ihr ruinöser Zustand zuletzt kaum noch erahnen ließ, welche Bedeutung sie einst besaß, bildete die Würdenburg bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein das wirtschaftliche und politische Zentrum des Ortes und seines Umlandes.
Die Familie von Trotha und die Anfänge
Errichtet wurde der ursprüngliche Renaissancebau von der Familie von Trotha (Abb.1), die über Jahrhunderte hinweg die Regionalgeschichte entscheidend prägte. Das noch heute verbreitete Adelsgeschlecht leitet seinen Namen vom Dorf Trotha ab, das seit 1900 zu Halle (Saale) gehört.
Zu den bedeutenden Vertretern der Familie zählt der Merseburger Bischof Thilo von Trotha (1466–1514).
Mit dem Verkauf der Herrschaft Seeburg im 13. Jahrhundert gelangten Teile des Besitzes 1287 an die Grafen von Mansfeld. Als Hausvögte der Mansfelder Grafen wurden Wolf von Trotha († 1375) und sein Sohn Nicolaus († 1412) mit Gütern entlang des Würdebaches belehnt.
In der südlich der Würde gelegenen Siedlung „Würden“, 1219 erstmals als „Wordhem“ erwähnt, befand sich bereits ein zentraler Freihof. Von dort aus hatten zuvor die Grafen von Seeburg ihre Besitzungen verwaltet. Mit Hans von Trotha († 1468) begründete sich hier die Teutschenthal-Bennstedter Linie der Familie.
Neben der Verwaltung der mansfeldischen Lehnsgüter übten die Trothas auch die Gerichtsbarkeit über „Hals und Hand“ aus und waren für kirchliche Belange im Würdebachtal zuständig. Aufgrund der seit 1365 bestehenden Zweiteilung Teutschenthals mussten diese Herrschaftsrechte jedoch mit dem Hochstift Merseburg geteilt werden.
Der Bau des Renaissance-Schlosses
Der wachsende Besitz entlang des Würdebaches und der damit verbundene Repräsentationsanspruch machten einen standesgemäßen Herrschaftssitz erforderlich. Friedrich von Trotha († 1615) ließ daher im späten 16. Jahrhundert die mittelalterlichen Gebäude des Freihofs abbrechen und durch ein neues Herrenhaus ersetzen.
Auf winkelförmigem Grundriss entstand ein renaissancezeitliches Schloss mit zwei Flügeln. In deren Winkel erhob sich ein weithin sichtbarer oktogonaler Treppenturm mit markanter Schweifhaube – ein architektonischer Akzent, der das Ortsbild über Jahrhunderte prägte.
Das Schloss überstand den Dreißigjährigen Krieg unbeschadet. 1710 ließ Franz Casimir von Trotha (1679–1711) das inzwischen nicht mehr zeitgemäße Gebäude barock umgestalten. Nach seinem Tod wurde das Anwesen jedoch nicht mehr dauerhaft bewohnt, sondern verpachtet.
Die heute abseitig wirkende Lage des Standortes täuscht. Das historische Kartenmaterial belegt, dass die wichtige Verbindung nach Süden ursprünglich direkt an der Würdenburg vorbeiführte.
Vom Rittergut zum preußischen Manöverquartier
Ab dem 19. Jahrhundert ist die Bezeichnung „Rittergut“ nachweisbar – ein in Preußen üblicher Begriff für größere ländliche Gutshöfe (Abb. 2).
Die fast 400-jährige Herrschaft der Familie von Trotha in Teutschenthal endete 1832. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen Ludwig von Trotha (1811–1895), sämtliche Besitzungen im Ort zu veräußern.
In der Folgezeit wechselte das Gut mehrfach den Eigentümer. Gemeinsam mit den umliegenden Ländereien diente es wiederholt als Schauplatz preußischer Militärmanöver. Im September 1857 waren unter anderem König Friedrich Wilhelm IV. sowie der spätere Kaiser Wilhelm I. auf der Würdenburg anwesend (Abb. 3).
Umbauten im 20. Jahrhundert
1915 gelangte das Anwesen durch Erbschaft in den Besitz des preußischen Oberamtmanns Carl Wentzel (1876–1944). 1928 erfolgten unter Leitung des Architekten und Burgenforschers Hermann Wäscher letzte größere Umbaumaßnahmen. Dabei wurde unter anderem der Westflügel erweitert und das Gesindehaus aufgestockt.
Nach der Bodenreform 1945 wurde die Familie Wentzel enteignet. In der Folgezeit befanden sich im Hauptgebäude unter anderem eine Zahnarztpraxis, eine Kindertagesstätte (bis 1986) sowie eine Kinderkrippe (bis 1991).
Bereits 1940 hatten sich infolge eines Gebirgsschlags Risse am Treppenturm gebildet. Trotz denkmalpflegerischer Bemühungen wurde der Turm 1951 abgetragen.
Verfall und Abriss
Nach der Rückübertragung an die früheren Eigentümer infolge der deutschen Wiedervereinigung stand die Würdenburg leer. Der bauliche Zustand verschlechterte sich zusehends (Abb. 4); um 2010 stürzte ein Teil der Nordfassade ein (Abb. 5), 2018 folgte der Teileinbruch des Daches.
Im Wirtschaftshof befanden sich zahlreiche Nebengebäude, darunter Stallungen und Scheunen, die zu DDR-Zeiten weitergenutzt wurden. Auch eine Mosterei war dort zeitweise eingerichtet.
Trotz Hinweisen auf die historische Bedeutung des Bauwerks wurden keine nachhaltigen Sicherungsmaßnahmen umgesetzt. Am 1. und 2. April 2019 erfolgte schließlich der komplette Abriss der Würdenburg. Neben renaissancezeitlichen Zierelementen gingen auch die barocken Stuckdecken aus der Zeit um 1710 unwiederbringlich verloren (Abb. 6). Gesichert werden konnten lediglich wenige Familienwappen, die ursprünglich die Eingangsportale des Schlossbaus bekrönten.
Ein verlorenes Baudenkmal
Mit dem Abbruch der Würdenburg verlor Teutschenthal eines seiner bedeutendsten historischen Bauwerke. Über vier Jahrhunderte hinweg prägte das Schloss die Entwicklung des Ortes – als Herrschaftssitz, wirtschaftliches Zentrum und architektonischer Orientierungspunkt.
Wo einst ein repräsentatives Schloss das Ortsbild bestimmte, blieb nach dem Abriss ein Schuttberg zurück. Mit dem Verschwinden der Mauern endete nicht nur die Geschichte eines Bauwerks, sondern auch ein prägender Teil der gewachsenen Identität des Ortes.
Der Verlust der Würdenburg ist damit mehr als das Ende eines alten Gebäudes. Er erinnert daran, wie fragil kulturelles Erbe ist – und wie sehr sein Erhalt vom verantwortungsvollen Umgang jeder Generation abhängt (Abb. 7).
MDR Beitrag zur Würdenburg in der Sendung "Sachsen-Anhalt heute" vom 14.02.2014 auf YouTube
Mike Leske (Stand: 27.02.2026)
Literatur
- Alexander Duncker: Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterlichen Grundbesitzer in der preußischen Monarchie, 16 Bände, Berlin 1857–1884.
- Festkomitee „1075 Jahre Teutschenthal“ (Hrsg.), Teutschenthal - Die verbotene Chronik. Originalabschrift vom Jahre 1979 (Teutschenthal 2004).
- Margarete Gerlach: Teutschenthal in alten Ansichten, Zaltbommel 1997.
- Mike Leske: Schöne Grüße – Ansichtskarten und Lithografien aus Eisdorf, Teutschenthal & Teutschenthal-Bahnhof, 7. Neuauflage, Teutschenthal 2016.
- Sabine Meinel, Birthe Rüdiger: Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt, Band 5, Saalkreis, Halle 1997, S. 127–130.
- Anke Mückenheim: Das Schloss Würdenburg der Familie von Trotha in Teutschenthal – eine erste Dokumentation, Halle 2017.
- Erich Neuß: Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld. Im Seegau. 2. Aufl. Halle 1999, S. 58-89.
- Albert Schröder: Teutschenthal. Ein Beitrag zur tausendjährigen Geschichte des Ortes, Eisleben 1929.
Internet
- http://trotha.de/spuren/teutschenthal/die-trothas-in-teutschenthal Die Trothas in Teutschenthal, Zugriff am 3. März 2012
![Abb. 1: Barockes Familienwappen der Herren von Trotha und die Jahreszahl [158...] im Hof der Würdenburg. Foto: Mike Leske, 2013 Abb. 1: Barockes Familienwappen der Herren von Trotha und die Jahreszahl [158...] im Hof der Würdenburg. Foto: Mike Leske, 2013](https://www.gemeinde-teutschenthal.de/de/datei/zuschneiden/400x400/id/22291,1195/abb._1_barockes_familienwappen_der_herren_von_trotha_und_die_jahreszahl_[158...]_im_hof_der_wuerdenburg._foto_mike_leske__2013.jpg)





