Gemeinde Teutschenthal

Die Vitzenburg und ein Chausseehaus – Über die mittelalterliche und frühneuzeitliche Grenzsituation um Eisdorf

Der Würdebach ist nicht nur für das hiesige Landschaftsbild prägend, ihm oblag jahrhundertelang auch eine strategische Bedeutung. Mit seinen inzwischen zu großen Teilen verrohrten Seitenarmen und Nebengewässern umschloss er die Eisdorfer Ortslage vollständig und bildete auf westlicher und nördlicher Breite Grenzlinien. Noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts berührten sich an den Gemeindegrenzen die Herrschaftsgebiete Preußens, Kursachsens und der Grafschaft Mansfeld. Die Betrachtung des historischen Kartenmaterials verdeutlicht die keilartige Grenzlage des preußischen Eisdorfs in diesem „Dreiländereck“ (Abb. 1). Ihren Ausgang nahm die Situation im Hochmittelalter als Eisdorf wahrscheinlich um 1200 in den Besitz des Erzbistum Magdeburgs gelangte. Der heute bei den Einheimischen noch als „Neu-Vitzenburg“ bekannte Ortsteil im Nordwesten der Ortslage war damals durch einen Bachlauf von Eisdorf getrennt und gehörte bereits zum Territorium der Mansfelder Grafen. Diese errichteten an diesem neuralgischen Punkt vermutlich eine kleine Befestigung; schließlich verliefen unweit entfernt durch das Würdebachtal wichtige Verkehrswege. An den Punkten, an denen solche Handelsstraßen Landesgrenzen kreuzten, wurden Abgaben verlangt. Im Mittelalter gab es keine Grenzzölle, sondern nur Abgaben für die Benutzung einer bestimmten Straße, Flussstrecke, oder Brücke. Obendrein zwang die sog. Straßenpflicht Handelsreisende ihre Waren über zollpflichtige Wege zu transportieren. In diesem Kontext dürfte auch die Vitzenburg stehen und zur Wahrung der Grenz- und Zollhoheit gedient haben. Damit diese nicht umgangen werden konnte, lag ein solcher Sicherungsbau meist strategisch günstig an Grenzübergängen, Flussquerungen oder Bergpässen. Die Vitzenburg muss sehr klein und schlicht gewesen sein. Urkundliche Erwähnungen sind spärlich und setzten erst am Ende des 16. Jahrhunderts ein. Zu dieser Zeit hatte die Anlage bereits ihre eigentliche Funktion verloren und wurde mit dem Verkauf an die Herren von Trotha zu einem Wirtschaftshof umfunktioniert.

Eine ähnliche Grenzsituation am entgegengesetzten Ortsrand hatte dagegen bis in die napoleonische Zeit Bestand. Der Gropeine-Bach entspringt im südlich gelegenen Höhenrand und mündet nach etwa 1300 Metern in nördlicher Fließrichtung in die Würde. Bis 1806 bildete diese Linie eine Grenze zwischen Kursachsen und dem preußischen Saalkreis (Abb. 2). 1785 wird hier ein königlich-preußisch Zollgeleit erwähnt. Der Geleitzoll war eine besondere Abgabe, die der Geleitherr (meist der Landesherr) für den Transit bestimmter Personen oder Waren auf vorgeschriebenen Wasser- und Landstraßen innerhalb seines Territoriums erhob. In erster Linie bezog sich der Begriff dabei auf die Bezahlung eines Begleitschutzes, der Kaufleute, Beamte oder Gesandte in Form von Geleitreitern, -knechten oder -mannschaften sicher durch ein Gebiet führte. Später wurden auch sog. Geleitbriefe ausgestellt, die eine Art Schadensersatz bei Diebstahl zusicherten. Anstelle des Geleitgeldes konnte auch eine Maut für die Benutzung eines Verkehrsweges (z. B. Straßen, Brücken) eingefordert werden. Die Straße zwischen Querfurt und Halle/Saale verzweigte sich in Deussen (Oberteutschenthal) in die Hohe Straße, die bis nach Thüringen führte und den sog. Heerweg, der von hieraus in die von Westen herkommende Rheinstraße mündete; damals wohl eine der belebtesten Handelsstraßen im Reich. Geleitsfragen und -streitigkeiten im Würdebachtal bis in die Neuzeit hinein zeigen den hohen Stellenwert dieser Route für den Warenaustausch. Eine eigens zur Klärung dieser Fragen erstellte Grenz-und Straßenkarte aus dem Jahr 1571 unterstreicht die hohe Bedeutung dieses wichtigen Verkehrsweges. Das Zollgeleit war in der Regel mit einer günstig gelegenen Baulichkeit verbunden. Unmittelbar an dem Punkt, an dem die Gropeine in den Würdebach mündet und die Handelsstraße die Gebietsgrenze kreuzte, findet sich auf preußischer Seite ein markantes Gebäude, welches seit jeher von der heimischen Bevölkerung als Chaussee- oder Zollhaus bezeichnet wird (Abb. 3). Die beiden Begriffe sind in diesem Fall synonym und beschreiben eine Zollstation. Chausseehäuser waren Wohn- und Dienstgebäude eines Chausseewärters oder Zöllners und fungierten zur Einnahme bzw. Verwaltung der Gebühren. Der davor angebrachte Schlagbaum wurde erst nach Zahlung des Wegegelds geöffnet. In Preußen entstanden solche Geldeinnahmehäuser am Ende des 18. Jahrhunderts. Architekturgeschichtlich wird der bestehende Bau an der Bennstedter Straße 2 dem späten 19. Jahrhundert zugeordnet. In dieser Zeit war die Kleinstaaterei im Deutschen Reich jedoch weitgehend beseitigt und das Gebäude kann für die zugeschriebene Funktion nicht mehr errichtet worden sein. Entweder wurde der Putzbau durch eine zeitgenössische Klinkerbauweise überprägt oder seine umgangssprachliche Bezeichnung wurde durch volksmündliche Überlieferung von einem Vorgängerbau an gleicher Stelle übernommen. Die Notwendigkeit eines Begleitschutzes auf der Strecke durch das Würdebachtal zeigt sich anhand einer Aufzeichnung des Chronisten Johann Christoph v. Dreyhaupt: Am 19. Februar 1647 waren zwei Straßenräuber auf dem Galgenhügel bei Teutschenthal enthauptet und aufs Rad geflochten worden, weil sie einen nicht weiter namentlich überlieferten „Herrn von Trotha“ erschossen hatten.

Eine umfassende Auseinandersetzung mit diesem und weiteren Themen der Eisdorfer Geschichte finden Sie in der voraussichtlich zur Festwoche erscheinenden Ortschronik.

 

Mike Leske M.A.

 

Literatur

  • Johann Ludwig Heineccius, Ausführliche topographische Beschreibung des Herzogthums Magdeburg und der Grafschaft Mansfeld, Magdeburgischen Antheils (Berlin 1785).
  • Bernhard Koehler, Geleit. In: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Bd. 1, (Berlin 1971), Sp. 1481–1489.
  • Erich Neuß, Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld. Im Seegau. 2. Aufl. (Halle 1999).
  • Erich Scherer, Die Straßen- und Flurnamen der Mitgliedsgemeinden der Mitgliedsgemeinden der Verwaltungsgemeinschaft "Würde/Salza" im Saalkreis (ca. 2000).
  • Reinhard Schmitt, Zwischen dem Ziegelrodaer Forst und Halle (Saale) – Eine Grenz- und Straßenkarte von 1571. In: WegBegleiter, Interdisziplinäre Beiträge zur Altwege- und Burgenforschung: Festschrift für Bernd W. Bahn zu seinem 80. Geburtstag (Langenweissbach 2019), S. 213-232.

 

Abbildungsnachweis

Abb. 1
Abb. 1: Detailausschnitt aus der historischen Karte der Grafschaft Mansfeld "Comitatus Mansfeld prout ille juris hodie Saxonico-Electoralis et Magdeburgici" von 1751
Abb. 2
Abb. 2: Detailausschnitt der "Special Karte von den zum Herzogthum Magdeburg gehörigen Saal Kreis“ aus dem Jahr 1801
Abb. 3
Abb. 3: Der markante Bau an der Bennstedter Straße 2 ist unter älteren Einwohnern noch immer als Chausseehaus bekannt. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde an dieser Stelle ein Geleitzoll erhoben