Gemeinde Teutschenthal

Die Kriegszeit und das Kriegsende vor 75 Jahren in der Einheitsgemeinde Teutschenthal

Die Zeit des Zweiten Weltkriegs stellt auch in der Geschichte der Ortschaften der Einheitsgemeinde Teutschenthal eine Zäsur dar. Neben vielen tausend jungen Männern, die als Soldaten in den knapp sechs Jahren ihr Leben verloren, bekam auch die Zivilbevölkerung die Auswirkungen des Krieges zu spüren. Zwar war die Versorgung auf dem Land bei weitem nicht so angespannt wie in den Ballungszentren; Lebensmittelkarten und Entbehrungen bestimmten aber auch hier den Alltag.
Über die gesamte Kriegszeit hinweg war der mitteldeutsche Raum häufiges Ziel von alliierten Luftangriffen. Ein Abwehrriegel, bestehend aus zahlreichen Flakstellungen und Scheinwerfern, verteilte sich um die Dörfer der Umgebung und bildete einen Teil der regionalen Luftverteidigung. Stumme Zeugen dieser Zeit sind u.a. die kreisrunden Erdwälle zweier Scheinwerferbatterien oberhalb des Schachtteiches bei Eisdorf. Am Eva-Schacht bei Etzdorf sollen noch die Fundamente einer Flakstellung zu finden sein. Die ehemalige Soldatenunterkunft dient heute zu Wohnzwecken. Bei Holleben befindet sich gar ein 5x6 Meter großer Bunker, der während des Zweiten Weltkriegs als Beobachtungs-und Feuerleitzentrum für die umliegenden Luftabwehrstellungen gedient haben soll.
Im April 1945 rückte die Front von Westen her immer näher auf Halle/Saale vor. Auf ihrem Weg standen die Soldaten der 104ten US Infanterie Division – genannt die „Timberwölfe“ (Abb. 1) - schließlich ab dem 12. April des Jahres vor den Orten, die heute die Einheitsgemeinde bilden. Der Einmarsch in Langenbogen, Steuden, Teutschenthal und Zscherben (Abb. 2) wurde dabei von einem GI mit der Filmkamera festgehalten. Als Teil einer Reportage unter dem Titel „Als der Krieg nach Deutschland kam“ sind einige Szenen immer wieder im deutschen Fernsehen zu sehen.
75 Jahre sind seit Kriegsende vergangen. Da die Zahl derjenigen, die den Krieg noch bewusst erlebt haben, stetig kleiner wird, hatte ich mir bereits vor fünf Jahren das Ziel gesetzt, die Ereignisse jener Zeit für die Dörfer der Einheitsgemeinde Teutschenthal zusammenzutragen und schriftlich festzuhalten. Grundlage bildeten in erster Linie Zeitzeugenberichten. Dank weiterer mündlicher Aussagen und einiger weniger Aufzeichnungen konnte der damals erschienene Artikel in der Zwischenzeit um Aussagen zu Holleben, Langenbogen, Steuden und Teutschenthal erweitert werden. Leider fehlt es noch immer an Schilderungen zu den hier nicht aufgeführten Ortschaften und Ortsteilen, so dass der Beitrag unvollständig bleiben muss. Um die Lücken zu schließen sind daher weitere Ergänzungen mehr als erwünscht.
 
Teutschenthal
Wie alle anderen Orte der Einheitsgemeinde spielte Teutschenthal während des Krieges keine bedeutende Rolle. Nach dem Überfall auf Polen war hierher lediglich für wenige Monate eine Artillerieeinheit abkommandiert worden (Abb. 3). Später folgte bis zum Kriegsende eine Nachrichtenkompanie der Wehrmacht. Auch eine Baukompanie war während dieser Zeit im Ort stationiert.
Da sich fast alle kampffähigen Männer im Kriegsdienst befanden, mussten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter die Arbeit auf den umliegenden Feldern und Fabriken verrichten. Im Elektrobetrieb der Firma Nathan (Abb. 4) an der Querfurter Straße (heute Friedrich-Henze-Straße 82) arbeiteten zwei französische Kriegsgefangene. Die beiden Franzosen (Abb. 5) kamen täglich zu Fuß von ihrer Unterkunft, einer Baracke an der Zuckerfabrik in Eisdorf, unter Begleitung eines Wehrmachtsoldaten zum Arbeitsplatz. Hugo Nathan, der nebenbei als ehrenamtlicher Bürgermeister von Unterteutschenthal fungierte, lieh den beiden später ein Fahrrad. Auch die Süßigkeiten aus der Zuckertüte der gerade eingeschulten Tochter wurden mit den beiden „Feinden“ geteilt. Ein friedliches Bild, das leider nicht jedem Zwangsarbeiter zuteilwurde.
Von gezielten flächenmäßigen Luftangriffen, wie sie die Bewohner der deutschen Großstädte regelmäßig erlebten, blieb die hiesige Bevölkerung zwar verschont, vereinzelt gingen aber auch hier Bomben nieder. Ein sogenanntes „Scheinwerk“, welches man unweit nördlich von Teutschenthal am damaligen Hallweg aus einfachen Bretterattrappen zusammengezimmert hatte, sollte Angriffe auf die kriegswichtigen Chemiewerke Leuna und Buna umlenken. Bei Fliegeralarm wurden zusätzlich Nebelkerzen gezündet, um die Täuschung zu verstärken. Die Abwurftechnik der damaligen Bomber war bei weitem nicht mit der Präzision heutiger Kriegstechnik vergleichbar. Anfang der 1940er Jahre schlug deshalb ein „Blindgänger“ vor dem Friseurladen Krumpe (heute Salon André in der Friedrich-Henze-Str. 65) ein. Dabei zerbrachen die Fensterscheiben der Nachbargebäude. In den folgenden Monaten gingen auch an anderen Stellen im Ort Bomben nieder, blieben aber bis auf geringere Sachschäden folgenlos.
Der Besuch der Schulen war für die Schüler bereits ab 1943 durch die ständigen Fliegeralarmierungen immer wieder unterbrochen worden und fand in den letzten Kriegstagen gar nicht mehr statt. Stattdessen diente die Volksschule in Unterteutschenthal (Pestalozzi-Schule, heute Kindergarten „Buratino“) ab 1944 als Lazarett. Auch die Schule in Oberteutschenthal (heute Kindergarten „Freche Früchtchen“) war in jener Zeit der medizinischen Versorgung der Soldaten vorbehalten.
Da gegen Kriegsende die Luftangriffe auch am Tag erfolgten, mussten die Kinder beim Ertönen der Sirenen schnell nach Hause laufen. Die vielen Tieffliegerangriffe waren eine besonders große Bedrohung. Die alliierten Kampfflugzeuge sausten so schnell und tief über den Schafberg heran, dass diese erst spät zu erkennen waren. Auf vielen Höfen standen alle Türen offen, um sich im Angriffsfall schnell in die Häuser und Ställe flüchten zu können. Nicht immer verliefen diese Angriffe glimpflich. Verschiedene Zeitzeugen berichten davon, dass die alliierten Flieger nicht selten gezielt die wehrlose Zivilbevölkerung ins Visier nahmen. Einige wurden dabei schwer verletzt oder starben sogar. Die Straßengräben entlang der Querfurter Straße sollten im Falle solcher Angriffe Deckung bieten. Die meisten Keller waren zu Luftschutzräumen umfunktioniert und die Häuserfassaden entsprechend mit „LSK“ (Luftschutzkeller) gekennzeichnet.
Auch die Unterbringung von Ausgebombten aus den deutschen Städten stellte die Teutschenthaler vor Herausforderungen. Im Hause Nathan war während des Krieges eine Familie aus Köln untergebracht. Später kam eine aus Halle hinzu. Auch nach dem Krieg musste Familie Nathan enger zusammenrücken, da nun Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten einquartiert wurden.
Vor dem Eintreffen der US Soldaten hatte sich Hugo Nathan mit anderen Ortsvorstehern der umliegenden Dörfer über das Hissen von weißen Fahnen auf den Kirchtürmen beraten. Natürlich hörten viele längst die verbotenen „Feindsender“ und waren dadurch einigermaßen gut über das Heranrücken der Front informiert.
Dass Teutschenthal nicht bis zur letzten Patrone verteidigt und in Schutt und Asche geschossen wurde, ist wohl mehreren glücklichen Umständen zu verdanken: Im Herbst 1944 hatte die hier befindliche Baukompanie den Schafberg als strategisch günstig gelegenen Punkt in der Ortsmitte auserkoren und mit dem Ausheben von Verteidigungsgräben begonnen. Schon vorher war hier ein Bunker errichtet sowie Splittergräber zum Schutz vor Fliegerangriffen ausgehoben worden. Dem „Endkampf“ sollte auch ein vermeintlicher unterirdische „Geheimgang“ zwischen Vituskirche und Würdenburg dienen, von dem sich die Einwohner seit alters her erzählten. Doch selbst mit Hilfe eines Suchgrabens konnte dieser mysteriöse Fluchttunnel nicht ausfindig gemacht werden. Trotzdem waren Anfang April 1945 Volkssturm und Hitlerjugend des Ortes zur Verteidigung aufgerufen. Als letztes Aufgebot sollten sie an der Lauchstädter Straße die amerikanischen Panzer aufhalten. Dazu kam es zum Glück nicht mehr. Die mangelnde Ausrüstung der „Verteidiger“ sowie die Aussichtslosigkeit des Kampfes sind sicher die Hauptgründe für das unblutige Kriegsende in Teutschenthal. Obendrein fehlte es vor Ort an einem fanatischen Antreiber, da der linientreue Ortsgruppenleiter Franke bereits 1944 verstorben war und dessen Nachfolge vermutlich noch ausstand.
Am 14. April rollten die ersten amerikanischen Panzer schließlich kampflos in den Ort. Die Rassendiskriminierung in den USA spiegelte sich auch im Militär wider. In der US-Armee herrschte eine strikte Rassentrennung und die afroamerikanischen GIs waren ihren weißen Kameraden bei weitem nicht gleichgestellt; so schickte man nicht selten die schwarzen Soldaten als Stoßtrupp vor. Für viele Einheimische war dies die erste Begegnung mit dunkelhäutigen Menschen, was besonders die Neugier der Kinder erregte.
Die Infanteristen sprangen von den Fahrzeugen, drangen in die Häuser ein und forderten „eggs“ (Eier). Eine Nachbarin der Familie Nathan glaubte noch immer an den „Führer“ und hatte auch ein Bild Adolf Hitlers an der Wand hängen. Als die Amerikaner das sahen, flogen sofort sämtliche Möbel aus den Fenstern.
Auf dem damals noch unbebauten Feld nördlich der Querfurter Straße hatten die Amerikaner ihre Geschütze aufgefahren. Die Stadt Halle hatte sich noch nicht ergeben und sollte im Vorfeld eines eventuellen amerikanischen Angriffs sturmreif geschossen werden.
Um Angriffen und Spionage vorzubeugen, waren alle Einwohner von der US-Kommandantur dazu aufgerufen, sämtliche Waffen und waffenähnlichen Gegenstände sowie Fotoapparate abzuliefern. Selbst Küchenmesser ab einer gewissen Klingenlänge wurden eingezogen und vernichtet. Für die kurze Phase der Besatzung im mitteldeutschen Raum wählten die verbliebenen Teile der 104ten Division das Herrenhaus der Agrarunternehmerfamilie Wentzel in Oberteutschenthal zum Hauptquartier. Die Soldaten dagegen bezogen vorübergehend in den größeren Häusern des Ortes Quartier. In dieser Zeit bekamen die Einwohner vom Militärgouvernement vorübergehend Registrierungskarten ausgestellt, die diese ständig bei sich tragen mussten (Abb. 6).
Mit der Ankunft der GIs war der Krieg für die hiesige Bevölkerung zwar zu Ende; Ruhe sollte vorerst jedoch nicht einkehren. Stellenweise brach pure Anarchie aus. Die Kriegsgefangenen mussten keine Aufsicht mehr fürchten. Plündernd zogen sie durch die Ortschaften. Neben Lebensmitteln wurde Wäsche und Hausrat entwendet. Dabei spielten sich auch Szenen von Lynchjustiz ab. Inmitten des Chaos wurde ein ortsansässiger Rittmeister auf einem Feld am Dorfrand totgeprügelt. Ein ähnliches Schicksal soll auch Otto Spießhaus, dem SS-Aufseher über die im Kaliwerk in Bahnhof-Teutschenthal eingesetzten Zwangsarbeiter, widerfahren sein. Nach Kriegsende hatte er sich bereits nach Süddeutschland abgesetzt, kehrte aber nach ca. einem halben Jahr zu seiner Frau zurück. Trotz Bart und Verkleidung wurde er erkannt und angezeigt. Bis zu seinem Prozess in Eisleben war Spießhaus im Dorfgefängnis in Wansleben am See inhaftiert. In der Gerichtsverhandlung konnte ihm nichts nachgewiesen werden. Nach seinem Freispruch wurde er angeblich von ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern erschlagen.

Steuden
Das südwestlich der Ortschaft Teutschenthal gelegene Steuden befand sich in der direkten Einflugschneise zum „Scheinwerk“ am Hallweg. Dank der Weitsicht von Detlef Schumacher sind aus dem kleinen Ort besonders ausführliche Berichte aus den Kriegsjahren überliefert. Der ehemalige Lehrer hatte während der Beräumung des Gemeindedachbodens Mitte der 1960er Jahre neben alten Akten auch zwei handschriftlich verfasste Bücher mit detaillierten Auszeichnungen aus dem Gemeindeleben bis 1946 vor der Vernichtung gerettet und diese in heutige Lesbarkeit übersetzt. Gemäß diesen Quellen wurden allein am Abend des 16. Januar 1943 80 bis 100 englische Brandbomben über Steuden abgeworfen. Der überwiegende Teil schlug glücklicherweise auf den umliegenden Äckern ein. Dennoch erlitten das Rittergut sowie andere Gebäude im Ort Bombentreffer. Dabei brannten ein Stall und zwei Schuppen nieder. Insgesamt wurde der Schaden auf 30.000 Reichsmark beziffert, was nach heutigem Wert etwa 100.000 Euro entspräche. Bei einem weiteren Bombenangriff im Juni 1943 blieben größere Schäden aus, da die Bomben in die Getreidefelder fielen oder als Blindgänger niederschlugen. Ab 1944 häuften sich die Luftangriffe und erfolgten nun auch am Tag. Beim Abwehrversuch eines dieser Angriffe wurde ein viereinhalbjähriges Mädchen von einem Flaksplitter am Kopf getroffen und starb. Im Oktober des gleichen Jahres ereilte dieses Schicksal auch einen Schäferlehrling, der nahe des Ortes bei seiner Herde auf der Weide weilte.
Die Einquartierungen von Ausgebombten bereitete den Steudenern immer größere Probleme. Bis Ende 1944 war die Zahl auf 170 gestiegen. Noch dramatischer wurde die Situation im Frühjahr 1945. Kilometerlange Flüchtlingstrecks aus den deutschen Ostgebieten durchquerten die Ortschaft. In Steuden mussten nun innerhalb kürzester Zeit über 600 Heimatlose beherbergt werden.
Als die Front immer näher rückte, heulte ab dem 12. April im Ort Daueralarm. Gegen 14:30 Uhr wurden aus Richtung Schafstädt bereits die ersten amerikanischen Panzer gesichtet. Kurz darauf explodierte hinter dem Steudener Friedhof eine dort befindliche Flak-Stellung, bei der sämtliches Kriegsmaterial wie Scheinwerfer und Horchgeräte vernichtet wurde. Am westlichen Ausgang des Dorfers hatten sich etliche deutsche Soldaten mit Panzerfäusten verschanzt. Nach kurzem gegenseitigem Beschuss stoppte der Vormarsch der Amerikaner. Die darauffolgende Nacht verbrachten die Einwohner in den Kellern. Der fortgesetzte Beschuss und die Brände in der Umgebung färbten den Nachthimmel rot. Den Kampfhandlungen fiel ein deutscher Soldat zum Opfer. Inzwischen waren auch der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter von der Sinnlosigkeit einer Verteidigung überzeugt. Ein Kapitulationsplan kam allerdings nicht mehr zu tragen. In Dornstedt wehte bereits die weiße Fahne. Der Ort wurde kampflos übergeben und die amerikanischen Panzer standen am 13. April um 10:35 Uhr in der Ortsmitte. Bei den folgenden Hausdurchsuchungen wurde neben versteckten Soldaten und Waffen auch nach Wein, Sekt sowie Schnaps gestöbert. Da die inzwischen weitergezogenen Amerikaner bei Bündorf auf erbitterten Widerstand trafen, kehrten sie abermals nach Steuden zurück und gruben ihre Geschütze am Ortsrand ein. In Richtung Bad Lauchstädt wurden ca. 200 Artillerie-Schüsse abgegeben. Nachdem der Widerstand gebrochen war, zogen die US-Soldaten weiter. Doch bereits gegen 18 Uhr erreichte eine neue Welle von ca. 3000 Amerikanern das Dorf. Die GIs bezogen Quartier in den Heimen der hiesigen Bevölkerung, so dass jedes Haus übervoll belegt war.
In manchen Häusern betrugen sie sich die Besatzer anständig und ließen im Wesentlichen alles unangetastet; in anderen nahmen sie, was sie finden konnten. Das Haus der Familie Strich (heute Teichplatz 5) wurde zur örtlichen Kommandantur erklärt, sodass die Bewohner in den Keller umziehen mussten. Die gegenüberliegende Schule wurde zum Wachlokal umfunktioniert. Hier wurden die untersten Räume und die Schlafstube belegt. Am frühen Nachmittag des nächsten Tages zogen die Soldaten weiter. Die Kommandantur blieb dagegen noch einen Tag länger. Überall im Ort lagen Fernsprechleitungen, die man beim Abzug einfach liegen ließ. Gleich nach der Besetzung des Ortes erschienen die ersten Gesetze und Verordnungen der amerikanischen Militärregierung. Das Hoftor bei Kögels (heute Friedensallee 5-7) war vollständig mit Bekanntmachungen beklebt und von der Bevölkerung umlagert. Um nicht als Kriegsgefangene behandelt zu werden, waren alle Männer des Volkssturmes aufgerufen, sich sofort zu melden. Waffen, Munition sowie sämtliche Fahnen hatte man beim Bürgermeister abzugeben. Die Soldaten der Flak-Stellung und diejenigen, die zum Schutze des Ortes aufgestellt waren, kamen in Gefangenschaft. Da Etzdorf noch nicht eingenommen war, konnten die hier im Orte weilenden Einwohner erst zurück, als ihnen die Amerikaner einen Passierschein ausgestellt hatten. Im Zuge weiterer Durchsuchungen mussten sich alle Bewohner vor ihren Häusern aufstellen. Vier Männer des Ortes konnten keine genauen Militärpapiere vorweisen. Sie wurden auf Lastkraftwagen verladen und weggeführt. Erst nach ungefähr sechs Wochen kehrten Sie aus dem Lager bei Bad Kreuznach wieder heim. Reisen zu den Nachbarorten waren in dieser Zeit ebenfalls stark eingeschränkt. Der Weg nach Schafstädt war nur mit einem Passierschein vom Bürgermeister möglich. Da die Gefahr sogenannter „Werwölfe“ (einer Art Partisanengruppe) bestand, wurden die Nachbarorte des Kreises Merseburg nach und nach hermetisch voneinander abgeriegelt. Erst nach geraumer Zeit gab es geregeltere Verordnungen; jedoch dauerten die Kreissperren noch längere Zeit an. Heimkehrende Soldaten, die keine ordnungsgemäßen Entlassungspapiere hatten, benutzten deshalb Feldwege, um nach Hause zu gelangen.
Die Ortschronik beschreibt auch die chaotischen Verhältnisse nach dem Einmarsch der US-Soldaten. Die befreiten Zwangsarbeiten suchten die Bauernhöfe und Kaufmannsläden heim. Auf Weisung der Amerikaner brauchten sie nicht zu arbeiten, sollten aber in ihren einstigen Arbeitsstätten gut und reichlich verpflegt werden. Autos, Motorräder, Fahrräder wurden in Mengen gestohlen. Die Einheimischen erhielten ihre Lebensmittelrationen auf Vorlage entsprechender Karten.Brot und Fleisch mussten dagegen an die ehemaligen Kriegsgefangenen ohne Weiteres abgegeben werden. Die Einheimischen hatten von 18 bis 7 Uhr Ausgangssperre (später von 22 bis 4:30 Uhr). Für die befreiten Zwangsarbeiter galt dies nicht. Besonders Frauen waren häufiges Ziel von Belästigungen und Übergriffen. Als sich die Zustände ins unerträgliche steigerten, schritt man zur Bildung einer Hilfspolizei, deren Autorität jedoch kaum Anerkennung fand. Wer sich gegen Plünderungen und Beschlagnahme zur Wehr setzte, lief Gefahr, verprügelt zu werden. Erst mit dem Eintreffen der Sowjetsoldaten am 1. Juli 1945 normalisierte sich die Lage wieder.
 
Langenbogen
Am 14. April 1945 um 13 Uhr war auch für das beschauliche Langenbogen der Krieg zu Ende. Herr Engelbert Wittek wohnte zu dieser Zeit in der ehemaligen Lehrerwohnung über der neuen Schule des Ortes (heute Salzke-Apotheke). Zwei Monate zuvor war er aus Breslau hierher geflohen. Vor seiner Unterkunft prangte damals an einer Gutshofmauer direkt an der Reichsstraße 80 (heute Lange Straße) die Parteilosung „Ein Volk – ein Reich – ein Führer!“ (Abb. 7). Ihre Anbringung direkt in der Langenbogener Ortsmitte war Ortsgruppenführer Meyer geschuldet, der nebenbei auch Schulleiter und Organist des Ortes sowie ein pflichtbewusstes NSDAP-Parteimitglied war. Von seinem Arbeitszimmer aus blickte er auf die kahle Backsteinmauer entlang der wichtigen Straße zwischen Halle und Eisleben. Er schlug vor, die Mauer mit der gigantischen Parole zu versehen und stieß damit auf breite Zustimmung.
Langenbogens „Verteidiger“ hieß Bartlitz. Anfang April 45 kam er in Zivil mit einer Volkssturm-Armbinde und zwei Panzerfäusten von einer Wehrübung zurück. „Das war die Vorbereitung zur Verteidigung“, erinnert sich Herr Wittek und ergänzt: „Zum Glück für uns, dass Barlitz beim amerikanischen Einmarsch nicht auf seinem Posten war und die Verteidigung somit ausfiel“. Der damals Elfjährige hatte sich zur „Stunde Null“ aus Furcht, die verwundeten deutschen Soldaten im Saal von Bögerts Gasthof könnten das Feuer eröffnen, versteckt. Seine Befürchtung erfüllte sich nicht, „weil die Landser selber nur auf ihre Befreiung warteten“, wie er heute sagt. Als Wittek zwei Stunden später aus seinem Versteck auf den Dorfplatz vor Zörners Café zurückkehrte, herrschte dort bereits reges Treiben. Army-Fahrzeuge und Sherman-Panzer bewegten sich in Richtung Bennstedt. Mittendrin verständigte sich Ortsgruppenleiter Meyer mit einigen Brocken Englisch mit den Amerikanern. Mit ihrem Einmarsch in Langenbogen hatten die US Soldaten ein vollausgerüstetes Kriegsmateriallager vor Ort errichtet. Die amerikanische Kommandantur befand sich in der örtlichen Zuckerfabrik. Die Timberwölfe beschreibt Herr Engelbert Wittek als freundlich. Lediglich das Fluchen zweier polnisch besprechenden GIs, die ihn beim Klauen von Keksen aus den Küchenzelten erwischten, sei ihm negativ in Erinnerung geblieben. Trotz der amerikanischen "Non-Fraternization-Policy", also dem Fraternisierungsverbot mit der deutschen Bevölkerung, blieben mehr oder weniger enge Beziehungen zwischen jungen Frauen und den GIs nicht aus; eine Entwicklung, die nicht nur bei der US-Militärführung auf Unbehagen stieß. Besonders die Einheimischen schauten verächtlich auf die sogenannten "Ami-Liebchen" oder "Ami-Flittchen" herab
 
Holleben
Leider verlief das Kriegsende in unseren Ortschaften nicht überall ohne Blutvergießen. Besonders dramatische Szenen ereigneten sich in Holleben: Der Hallenser Kurt Schmidt erinnerte sich in einem Artikel der Mitteldeutschen Zeitung anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes im Jahr 1995 an die Zeit im April 1945. Der damals Sechzehnjährige war Angehöriger einer deutschen Flakeinheit und wollte zusammen mit seinen Kameraden den Ort in Richtung Süden verlassen. Dabei stießen sie am Morgen des 15. Aprils auf die amerikanischen Truppen, die bereits bis zur Dorfgrenze vorgerückt waren. In einem Feuergefecht, bei dem mehrere Granaten im Ort einschlugen, wurden acht seiner Kameraden getötet. Zwei der Opfer waren nicht einmal siebzehn Jahre alt. Der Rest der Truppe lief zurück nach Holleben, um sich in den Kellern der Häuser zu verstecken. Dorthin waren jedoch bereits die Dorfbewohner geflohen. Aus Angst vor Übergriffen baten die verängstigten Bewohner die Soldaten, die Keller wieder zu verlassen. Diese kamen dem Bitten nach, gerieten dabei aber in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Als Zeichen der Kapitulation und um Schlimmeres zu verhindern, hatte der Hollebener Freddy Dieter - trotz der Gefahr als Verräter standrechtlich erschossen zu werden - bereits die weiße Fahne auf dem Kirchturm gehisst. Kurt Schmidt wurde ins Gefangenenlager nach Remagen verbracht und kehrte erst drei Monate später wieder in die Heimat zurück. In den wenigen Wochen der amerikanischen Besatzung Hollebens diente das Benkendorfer Schloss als örtliches Hauptquartier.
Sieben der gefallenen deutschen Soldaten wurden auf dem Hollebener Friedhof beigesetzt. Das Gefecht in Holleben war auch von der gegenüberliegenden Saale-Seite in Wörmlitz zu sehen. Auf der Suche nach ihren Söhnen machten sich viele hallesche Mütter auf den Weg in den Saalekreis-Ort. Unter ihnen auch die Mutter von Kurt Schmidt sowie eine Frau aus Lochau. Beide fanden die frischen Gräber auf dem Ortsfriedhof. Die Frau aus Lochau las unter einem Stahlhelm, der auf dem Grab lag, den Namen ihres jüngsten Sohnes. Die Sinnlosigkeit des Krieges ist auf dem Hollebener Friedhof noch immer greifbar (Abb. 8): Die Gräber der Opfer, die noch kurz vor Kriegsende ihr Leben ließen, mahnen uns bis heute.
 
Mike Leske M.A.

(Stand: 8. April 2020)
 
Literatur und Quellen:

  • Matthias J. Maurer: Our Way to Halle, Der Marsch der Timberwölfe nach Halle (Halle/Saale 2001).
  • Joachim Kampe u.a., Streifzüge durch die Geschichte von Holleben (Leipzig 2016).
  • Unveröffentlichte Chronik von Steuden. Archiviert und bearbeitet durch Detlef Schumacher.
  • Ehemaliges Dorfgefängnis und Freibank in Wansleben am See.

 

Großer Dank gilt den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen: Frau Jutta Lukaschek, Frau Margarethe Gerlach und Herrn Engelbert Wittek sowie allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der regelmäßigen Treffen der Recherchegruppe in der Bücherei Teutschenthal. Herrn Detlef Schumacher sei neben der Bereitstellung der Steudener Chronik auch für dessen Hilfe und zahlreiche Ergänzungen gedankt.

Abb.1 Timberwölfe
Abb.2 Zscherben
Abb.3 Unterteutschenthal Wehrmacht Halbkettenfahrzeug Würdenhof Foto um 1940
Abb.4 Fa. Nathan um 1940
Abb.5 Franz. Zwangsarbeiter Nathan
Abb.6 Millitärpapier
Abb.7 Langenbogen Mauer
Abb.8