Das Amt als Bürgermeister. "Der Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit“.
Am 4. Dezember 2019 hat Tilo Eigendorf (parteilos) als damals 42-Jähriger den Job als Bürgermeister der Einheitsgemeinde Teutschenthal im Saalekreis angetreten. Zuvor war der studierte Jurist lange Jahre als Rechtsanwalt tätig. Zeit, einmal Bilanz zu ziehen.

Herr Eigendorf, Sie sind nunmehr im 7. Jahr im Amt des Bürgermeisters der Einheitsgemeinde Teutschenthal. Wie fällt Ihr generelles Fazit aus?
In diesem Job muss man Leidenschaft und Mut jeden Tag aufs Neue erfinden. Der Spruch „Jedem Menschen recht getan ist eine Kunst die niemand kann.“, darf man als Fazit ohne Wenn und Aber stehen lassen.
Sie haben vor Ihrer Amtszeit sich lange als Gemeinderat und später auch als Kreisrat engagiert. Wie haben Sie persönliche den Wechsel in die direkte Verantwortung als Bürgermeister wahrgenommen?
In der Tat wurde die Perspektive über Nacht eine andere. Als Gemeinderat bist du Teil eines Kollektivorgans. Deine Stimme allein setzt noch keinen Prozess in Gang, welcher später unter Umständen hinterfragt oder gar kritisiert wird. Im Amt als Bürgermeister entscheidest du nach deinem eigenen Rechtsverständnis im Rahmen der dir vorliegenden Information. Natürlich ist es bei deinen Entscheidungen äußerst hilfreich, wenn du aus einer vorhergehenden Funktion als Gemeinde- und Kreisrat weißt, wie sich Entscheidungsprozesse aufbauen und welche sachlichen und fachlichen Hintergründe eine Entscheidung notwendig machen. Dieser Wechsel in der Verantwortung bedarf zwangsläufig jede Menge Kraft und Ausdauer.
Vor welchen Herausforderungen standen Sie in der Kommune?
Die Kommune war ein einziger Scherbenhaufen, sowohl politisch als auch in der Entwicklung. Mit der Suspendierung und der späteren Abwahl meines Amtsvorgängers stand die Gemeinde praktisch 10 Monate still. Aber auch sonst hat sich in Teutschenthal der Eindruck verfestigt, dass sich die Kommune nur noch selbst verwaltet. Es fehlte an eindeutigen Impulsen wohin sich die Einheitsgemeinde entwickeln soll. Andererseits gab es unzählige Wünsche und Befindlichkeiten, die man unbedingt sofort angehen müsse und natürlich hatte jeder dieser Wünsche seine Tücken. Es galt, diesen Scherbenhaufen zu einem Mosaik zusammen zu bringen.
Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Projekte - und was daraus geworden ist?
Oje, da muss ich jetzt wirklich mal in mich gehen. Im Grunde gab es von Beginn an mehrere Projekte, welche umgehend zur Diskussion standen. Die Verwaltungsstruktur, der kommunale Bauhof, der Brandschutz, die sozialen Einrichtungen, u.s.w. Ich denke da waren noch einige Weitere. Einer meiner wichtigsten Punkte auf meiner damaligen Agenda war jedoch die Steigerung von Qualität und Ausstattung in den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Viele der diesbezüglichen Gedanken wurden abgearbeitet bzw. befinden sich derzeit in der Umsetzung. Genannt sei hier die Schaffung einer in allen Gesichtspunkten modernen Kindertagesstätte Angersdorf, welche einen völlig neuen und innovativen Ansatz verfolgt. Und nicht zu vergessen das ehrgeizige Projekt zum Bau einer neuen Grundschule in der Ortschaft Teutschenthal. Das sich allerdings die jeweiligen Entscheidungs- und Planungsprozesse über einen solch langen Zeitraum ausdehnen war auch für mich sehr ernüchternd. Als sehr positiv habe ich aber empfunden, dass Gemeinderat und Verwaltung hier von Beginn an eine Sprache gesprochen haben und auch nicht vor den hohen Investitionen zurückschrecken.
Die Gemeinde setzt neuerdings auf neue Medien wie Facebook und Instagram. Wie kommt das an?
Ich denke positiv. Die Zeiten, wo ich mir als Bürger die Information aus meiner Gemeinde über die Heimatzeitung beschaffe, gehen langsam aber stetig vorbei. In der heute schnelllebigen Welt mit immer weniger Interesse für das gedruckte Medium muss sich auch die Verwaltung diesen schon gar nicht mehr so neuen Herausforderungen stellen. Gerade was tagesaktuelle Informationen betrifft, wie beispielsweise Havarien oder kurzfristige Informationen, sind die neuen Medien nicht mehr wegzudenken. Dennoch müssen wir für die gerade auf dem Land noch immer mehrheitlich ältere Bevölkerung den gedruckten „Würde-Salza-Spiegel“ als kostenfreie Heimatzeitung auch zukünftig vorhalten.
Alle Welt spricht von Digitalisierung. Wie steht es damit in Teutschenthal?
Wir sind auf einem guten Weg denke ich. Nachdem die Gemeinde vor Jahren bereits die digitale Ratsarbeit eingeführt hat, arbeitet die Verwaltung stetig daran die Digitalisierung sowohl für interne Vorgänge als auch für Vorgänge von außen aufzubauen. Natürlich stoßen wir dabei immer wieder gegen Hürden, sei es finanziell als auch technisch. Dennoch sind wir hier mit einem sehr guten Team ausgestattet, welches mit Hochdruck dieses Thema bearbeitet. Ziel ist und bleibt es, die Dinge für alle einfacher zu machen.
Sie sprechen vom Team. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit im Team?
Sehr wichtig. Ich bin von Beginn meiner Amtszeit an auf ein sehr engagiertes Team in der Verwaltung gestoßen. Gemeinsam mit der Leitungsebene habe ich in den Jahren notwendige Veränderungen in der Verwaltungsstruktur vorgenommen. Aber auch hier zeigt sich, dass es keine Generalanleitung für eine funktionierende Verwaltung gibt. Nicht weniger wichtig ist eine vertrauensvolle und vor allem lösungsorientierte Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat und den Ortschaften. Hier sehe ich einen unschätzbaren Vorteil, wenn man wie ich persönlich selbst 10 Jahre ehrenamtlich auf dieser Ebene mitgewirkt hat. In einer funktionierenden Kommune ist dieses Miteinander unabdingbar.
Wir befinden uns in einer Zeit, in welcher der gegenseitige Respekt oftmals abhandengekommen ist. Wie erleben Sie die aktuelle Zeit als Amtsperson?
Bei persönlichen Begegnungen mit Menschen empfinde ich das nicht so. Dennoch kann ich bestätigen, dass einem der Wind seit Corona deutlich stärker entgegenweht. Dies jedoch weniger in der politischen Debatte, sondern viel mehr in den Alltagssituationen. Die digitale Welt macht es dem Menschen da sehr einfach. Es wird gefordert, gemotzt und gemeckert. Ein gewisser Teil der Gesellschaft ist unaufhaltsam damit beschäftigt Schuldige, mitunter für das eigene Unvermögen zu suchen. Und wer das am lautesten bedient erhält die meiste Aufmerksamkeit. Als Bürgermeister stehst du da ganz allein jeden Tag in der Verantwortung im Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Im Grunde darfst du als Bürgermeister „nur“ das Gesetz im Blick haben. Alle anderen Akteure dürfen alles wollen. Hier die Wogen zu glätten ist eine der größten Hürden in diesem Amt.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft.
Die mit Abstand größte Herausforderung wird die finanzielle Ausstattung der Kommunen bei gleichzeitiger Steigerung der Aufgabenlast werden. Auf der einen Seite konnten wir in Teutschenthal zwar die Einnahmen u.a. durch eine Steigerung im Gewerbebereich und Einnahmen aus den erneuerbaren Energien deutlich steigern. Mit steigenden Einnahmen geraten wir jedoch in einen Art Teufelskreis, da wir dann als einnahmenstärkere Kommune weniger Landeszuweisungen erhalten. Gleichfalls müssen wir auf der anderen Seite mit historisch hohen Tarifverträgen und der allgemeinen Preissteigerung sowie der Inflation wirtschaften. Ungeachtet der vielen Notwendigkeiten, welche seit vielen Jahren in den Ortschaften auf ihre Abarbeitung warten, werden zusätzlich immer mehr gesellschaftliche Aufgaben an die Kommunen durchgereicht. Diese verursachen wiederum Kosten. Dieses Dilemma ist aber ein deutschlandweites Problem und kann nur von ganz oben angegangen werden.
Welche Eindrücke prägen das Amt einer Bürgermeisterin bzw. eines Bürgermeisters, wenn Sie auf Ihre persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre blicken?
In diesem Job erhältst du nahezu täglich neue Eindrücke. Positive als auch Negative. Ich glaube es ist wichtig, dass man diese Momentaufnahmen als Herausforderung annimmt und sein Handeln bestmöglich danach versucht auszurichten. Man lernt nie aus, egal wie lange man diesen Job macht.
Wenn man die gewonnenen Eindrücke aber in Form eines Anforderungsprofils einer Stellenausschreibung beschreiben will, dann wurde dies in der Vergangenheit bereits einmal sehr trefflich umschrieben:
„Du bist „Prügelknabe“ und „Problemlöser“, du musst Rampensau sein und auch Statist können. Du musst Fehler eingestehen, die du gar nicht gemacht hast oder bekommst Applaus, der anderen gebührt. Du musst mit dem Anspruch zurechtkommen, auf jede Frage die passende Antwort zu haben. Du bist für jeden, jeder Zeit verfügbar und ansprechbar. Im Zweifel bist du immer schuld und wenn es gut war, hätte man es aber auch noch besser machen können. Wenn nicht alles zum Wohle aller läuft, ist es ok, dir mit einem nachteiligen Artikel bei der Presse zu drohen. Du bist gern nicht zu Hause und stellst Freunde und Familie bei jeder Gelegenheit hinten an. Du haftest gern für die Unwägbarkeiten woanders getroffener Entscheidungen. Dir fällt es leicht, Menschen von richtigen und notwendigen, aber unbequemen Entscheidungen zu überzeugen.“
Ich denke man kann diese Umschreibung kommentarlos so stehen lassen.
Das Interview führte: Stefanie Becker (SB Öffentlichkeitsarbeit)
Foto: Michael Deutsch
